Von Sven Müller

Am 9. Januar 2025 fand ein Live-Gespräch auf der Plattform X mit Elon Musk und Alice Weidel statt, das von zahlreichen Medien dokumentiert und zitiert wurde: „Der größte Erfolg nach dieser schrecklichen Ära unserer Geschichte war es, Adolf Hitler als rechts und konservativ zu bezeichnen. Er war das genaue Gegenteil. Er war nicht konservativ. Er war dieser sozialistisch-kommunistische Typ.“ Und Weidel ergänzte: „Damals, während des Dritten Reiches, gab es die Nationalsozialisten, und wie das Wort schon sagt, waren sie Sozialisten […] Hitler war ein Kommunist und betrachtete sich selbst als Sozialist.“ Diese Aussagen wurden in zahlreichen Quellen wie FAZ, DW, Tagesschau, Spiegel und internationalen Medien (WIRED, BBC) übereinstimmend und von Weidel unwidersprochen wiedergegeben. Aber kann das stehenbleiben? Insbesondere bei jemandem, der in den Medien, aber auch dem rechtskonservativen Lager regelmäßig als in den Startlöchern stehende Kanzlerin-Anwärterin gehandelt wird?

Unterstützung aus der AfD: Nicole Höchst
Weitere AfD-Mitglieder sprangen ihr bei, wie auch MdB Nicole Höchst auf X am 22. Juli 2025: „An alle die hier auf meinem Profil unter meinen Beträgen den Verlust der links-woken Deutungshoheit lautstark bejammern: Hitler war ein Linker. Er bekämpfte das konservative Bürgertum. Und ja, da gibt es deutliche Parallelen zwischen damals und heute, vor allem in der Art und Weise der Bekämpfungsstrategien, die gegenüber politischen Gegnern und Kritikern angewendet wurden. Huch.“ Am 16. August 2025 legte sie nach: „Ja, die Hitlerjugend kämpfte gegen Rechts. Wer immer noch glaubt, der Nationalsozialismus sei einfach „rechts“ gewesen, sollte sich mal damit beschäftigen, gegen wen die Nazis tatsächlich gekämpft haben: Sie bekämpften das Bürgertum, das konservative Establishment, die freiheitlich-liberale Ordnung – also das, was heute unter „rechts“ läuft. […] Der Nationalsozialismus war ein antiliberaler, kollektivistischer, revolutionärer Umsturz – keine Reaktion konservativer Eliten.“ Und am 22. August 2025 schließlich: „Der Nationalsozialismus übernahm unübersehbar wesentliche Elemente, die klassisch „links“ einzuordnen sind: Er stellte das Kollektiv über das Individuum, versprach „Sozialismus“ für die Volksgemeinschaft, agitierte gegen „Reaktionäre“ und „Bourgeoisie“ […] Wie im Kommunismus galt der Einzelne nichts, nur das Kollektiv zählte – dort die Klasse, hier das Volk.“

Erika Steinbach bekannte Vorreiterin der These
Der Versuch, die Nationalsozialisten als Linke zu verorten, ist nicht neu. So hat AfD-Mitglied Erika Steinbach in einem weithin beachteten und kritisierten Tweet vom 31. Januar 2012 geschrieben: „Irrtum. Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI.“ Natürlich begann nach solchen Äußerungen von AfD-Funktionsträgern ein „Shitstorm“, der von Hohn und Spott bis zu fundierten Gegenargumenten reichte. Von links bis rechts schüttelte man weltweit den Kopf. Der Großteil der AfD hielt sich schweigend zurück, wollte doch niemand die eigenen Leute öffentlich kritisieren.

Dr. Goebbels ein Linker?
Nicole Höchst bezog sich im August 2025 auch auf Dr. Goebbels mit einem angeblichen Zitat von ihm: „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke“.  Die von Höchst angegebene Quelle („Der Angriff“ vom 6. Dezember 1931) ist jedoch frei erfunden, da es diese Ausgabe der wochentags erscheinenden Zeitung an diesem Sonntag nicht geben konnte. Am 17. September 2025 hielt Dr. Goebbels in Hannover eine Rede mit dem Titel „Lenin oder Hitler“. Laut Unterlagen der Polizei sagte er: „Deutschland wird in dem Augenblick frei werden, wenn die 30 Millionen auf der Linken und die 30 Millionen auf der Rechten gemeinsame Sache machen. Nur eine Bewegung ist fähig, das zustande zu bringen: der Nationalsozialismus…“. Wie passt das zu einer angeblichen Verortung als „Linker“? Bekanntlich schwenkte Dr. Goebbels von einem anfangs linksorientierten Kurs nach rechts um – allerdings innerhalb des insgesamt als rechts zu verortenden NSDAP-Spektrums. Der „internationalen“ Linken setzte er einen „deutschen“ Sozialismus entgegen. Das, was hier unter „deutsch“ verstanden wurde, relativierte die politischen Kernpunkte der originalen „linken“ Sozialisten bis zur Unkenntlichkeit.

„Wir sind gegen die politische Bourgeoisie, und für echten Nationalismus! Wir sind gegen den Marxismus, aber für wahren Sozialismus!“ (Joseph Goebbels und Mjölnir, „Die verfluchten Hakenkreuzler. Etwas zum Nachdenken“, 1932)

„Unser Kampf gegen den Bolschewismus ist kein Kampf gegen, sondern gerade für den Sozialismus, aus der tiefen Erkenntnis heraus geboren, daß wahrer Sozialismus nur verwirklicht werden kann, wenn seine gemeinste und kompromittierendste Mißgeburt, der jüdische Bolschewismus, aus dem Felde geräumt ist.“ (Joseph Goebbels, Rede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, 10. September 1936)

„Es war die Sünde des Marxismus, den Sozialismus zu einer Lohn- und Magenlehre zu degradieren und ihn damit in einen Gegensatz zum Staat und zur Verfechtung seiner nationalen Existenz hineinzumanövrieren.“ (Joseph Goebbels, Artikel „Warum sind wir Sozialisten?“, Der Angriff, 16. Juli 1928)

„Wir sind Sozialisten, weil im Sozialismus, das heißt im schicksalsmäßigen Angewiesensein aller Volksgenossen aufeinander die einzige Möglichkeit zur Erhaltung unserer rassemäßigen Erbgüter und damit zur Wiedereroberung unserer politischen Freiheit und zur Erneuerung des deutschen Staates sehen.“ (ebenda, Der Angriff, 16. Juli 1928)

„Wir sind Sozialisten, wir sind Feinde, tödliche Feinde des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems mit seiner Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen, mit seiner Ungerechtigkeit in der Lohnverteilung, mit seiner unmoralischen Bewertung der Menschen nach dem Besitz und dem Geld, das sie haben, statt nach der Verantwortung und Leistung, die sie auf sich nehmen, und wir sind entschlossen, dieses System unter allen Umständen zu vernichten.“ (Joseph Goebbels und Mjölnir, „Die verfluchten Hakenkreuzler. Etwas zum Nachdenken“, 1932)

„Sozialist sein heißt: Das Ich dem Du unterordnen, das Individuum der Gemeinschaft opfern. Sozialismus ist Opfer für den Nächsten, für die Gesamtheit.“ (Joseph Goebbels „Michael: Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern“, 1929)

Die Absicht dahinter
Die Absicht von Weidel und anderen Konservativen ist klar: Wenn die Nazis das Schlimmste sind, das es je in der menschlichen Geschichte gegeben hat und wenn man selbst als Nazi diffamiert wird, wäre es doch eine geniale Entlastung, wenn man dem Gegner den Nazi unterschieben könnte. Sind die Nazis nunmehr links, ist man rechts entlastet, der linke Gegner belastet und dann muss man sich auch noch dafür auf der linken Seite rechtfertigen. Hört sich gut an, ist aber historisch-politisch unhaltbar. Es wird auch dann nicht besser, wenn man es – wie Weidel und Höchst – in apodiktischer Form ständig wiederholt. Die drei hier genannten hochrangigen AfD-Mitglieder sind ohne jegliche universitäre historische Ausbildung. Es ist ihr gutes Recht, sich auch auf fachfremden Gebieten zu äußern, indes müssen sie es als Konsequenz dann hinnehmen, wenn ihre dubiosen Äußerungen von Experten aller Seiten zerpflückt werden.

Etablierte Historiker über Hitler
Was sagen die „etablierten“ Historiker? Bei aller Kritik an ihren sonstigen historischen Verdrehungen und Unwahrheiten, die einem absurden BRD-Schuldkult dienen, haben sie doch in diesem Punkt im Wesentlichen recht, wenn sie Hitlers politische Einordnung und Weltanschauung als „rechts“ beschreiben:

Ian Kershaw: „Hitler was never a socialist.“ (Hitler: A Biography (2010)

Richard J. Evans: „Despite the change of name, however, it would be wrong to see Nazism as a form of, or an outgrowth from, socialism […] Nazism was in some ways an extreme counter-ideology to socialism.“ (Richard J. Evans, The Coming of the Third Reich (2003)

Michael Wildt: „Hitler hat von Anfang an den Marxismus heftigst und brutal bekämpft… Hitler könne nicht als Kommunist bezeichnet werden, weil er ein Antisemit und Rassist war. Und das hat mit dem Gedanken einer kommunistischen Gesellschaft […] nichts zu tun, sondern ist genau das Gegenteil.“ (Interview mit Deutscher Welle, Januar 2025)

Udo Grashoff: „Die NSDAP war weder links noch kommunistisch […] Die Kommunisten waren Hitlers politische Gegner, seine ersten Opfer und seine hartnäckigsten Widersacher.“ (ZDF-Interview, Januar 2025 (Hannah-Arendt-Institut)

Lars Rensmann: „Die Aussagen sind historisch abwegig. Hitler war in jeder Hinsicht ein rechtsradikaler, völkischer, rassistischer und antisemitischer Ideologe.“ (ZDF-Interview, Januar 2025)

Heinrich August Winkler: „Die NSDAP war das organisierte und extremste Nein zu allem, wofür linke Parteien standen. Rechter kann man gar nicht stehen.“ (Interview zum Steinbach-Eklat (2012), zitiert u. a. im Spiegel)

Herfried Münkler: „Im politischen Spektrum der Zeit kann es keinen Zweifel geben, dass die NSDAP zur Rechten gehörte.“ (Interview zum Steinbach-Eklat (2012)

Thomas Weber: „Diese Frage wird in der Regel […] zu eng diskutiert. Und dann wird […] der Versuch von rechter Seite unternommen, Hitler als klassischen Sozialisten und Linken darzustellen, was keinen Sinn ergibt.“ (DW-Faktencheck, Januar 2025)

Peter Longerich zu sozialen Verbesserungen im Dritten Reich: „Diese Wohltaten änderten aber nichts an dem grundsätzlich rechtsextremen Charakter des Regimes.“ (BR24-Faktenfuchs, Januar 2025 (Zitat aus Interview)

Volker Weiß: „Die Behauptung von den ‚linken Nazis‘ ist nicht nur hartnäckig […] (sie dient der) strategischen Resignifikation des Historischen.“ („Das Deutsche Demokratische Reich“ (2025) und Interviews).

Hitler in Selbstzeugnissen
Hitler hat sich natürlich nicht selbst als Kommunist bezeichnet. Der Nationalsozialismus sollte eine übergreifende Staatsdoktrin werden, in der eine Volksgemeinschaft weder Standesdünkel, noch Klassenkampf kennt. Die Rassenfrage stand über der im Dritten Reich bedeutungslos gewordenen Klassenfrage. Gegner waren die Roten und die Reaktion. Zur Reaktion zählten neben Bürgerlichen letztlich sogar die Deutsch-Nationalen. Die teils sozialistisch angehauchten Richtungen, besonders die um die Strasser-Brüder, haben bekanntlich die NSDAP wieder verlassen und sind in der Bedeutungslosigkeit versunken. Indem er sich dezidiert antikommunistisch äußerte, hat Hitler immer wieder einen klaren, konsistenten Standpunkt vertreten Dabei verwendete er „kommunistisch“ und „bolschewistisch“ synonym. In Anbetracht der damals durch eine breite Enthüllungsliteratur über den Bolschewismus bekannt gewordenen grauenvollen Massenverbrechen der Bolschewisten ab 1917 bot sich die Verwendung des Wortes als wirksames Propagandamittel an. So wurde es noch ergänzt zu „jüdisch-bolschewistisch“, um den NS-Antisemitismus einfließen zu lassen, der sich auf die relativ hohe Zahl an Juden in der kommunistischen Bewegung bezog, welche als die Urheber und Träger des „Bolschewismus“ interpretiert wurden.

„Im russischen Bolschewismus haben wir den im 20. Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen.“ (Mein Kampf (1925/1926), Band 2, Kapitel 14 (z. B. Ausgabe München 1930, S. 751)

„Der Bolschewismus ist asoziales Verbrechertum und eine ungeheure Gefahr für die Zukunft.“ (Rede vor Wehrmacht-Generälen am 30. März 1941 in der Reichskanzlei (notiert in Franz Halders Kriegstagebuch; zitiert in Max Domarus: Hitler: Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. 2, S. 1669 ff.).

„Das Ziel des Bolschewismus ist es, alles Gesunde auszurotten und durch Verderbtheit und entartete Elemente zu ersetzen.“ (Rede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, 1936 (in zeitgenössischen Berichten und Domarus, Bd. 1, S. 634 ff.).

„Wir haben den Bolschewismus ausgerottet, weil seine Führer für uns ein Schlachthaus nach russischem und spanischem Vorbild geplant hatten.“ (Rede 1936 (ähnlich in Nürnberger Rede; zitiert in Laurence Rees: Hitlers Krieg im Osten, S. 37).

„Zu dieser Not kommt nun die bolschewistische Gefahr hinzu, die den überkultivierten Menschen wieder zur Idee der Primitivität zurückführen will.“ (Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933 (1000 Dokumente zur deutschen Geschichte; Aufzeichnungen von Curt Liebmann).

„Wenn Bolschewismus seine Netze nach Deutschland auswirft, dann werden wir ihn mit Zähnen und Klauen bekämpfen.““ (Rede im Reichstag am 21. Mai 1935 (Protokoll des Reichstags; zitiert in Domarus, Bd. 1).

„Der Bolschewismus ist der tödliche Feind jenseits unserer Grenzen.“ (Rede 1936 (Nürnberg; ähnlich in Domarus).

Hitler hat also „Kommunismus“ mit „Bolschewismus“ gleichgesetzt und letzteren Begriff bevorzugt. Wie man hier einen „Kommunisten“ ausmachen will, bleibt ein Rätsel. Das Wort „Sozialismus“ im Zusammenhang mit der NSDAP verwendete er öfter:

„Unser angenommener Begriff ‚Sozialist‘ hat nichts mit dem marxistischen Sozialismus zu tun. Der Marxismus ist antieigentümlich; wahrer Sozialismus ist es nicht.“ (Rede vom 28. 12. 1938, in „The Speeches of Adolf Hitler“, Hg. Norman H. Baynes, S. 787 ff.).

Der Begriff „Marxismus“ wurde nach der Kampfzeit immer weniger verwendet. Er galt als Bezeichnung für alle Linken, auch für die Sozialisten aller Richtungen, allen voran die Sozialdemokraten, die vom viel späteren „Godesberger Programm“ noch weit entfernt waren.

Eine durchsichtige Manipulation
Wenn heute manche AfD-Politiker auf Zitate von NS-Größen hinweisen, sind sie leider häufig falsch, aus dem Zusammenhang gerissen, unvollständig oder selektiv ausgewählt. Das folgende Zitat aus Hitlers unveröffentlichtem „Zweiten Buch“ verdeutlicht diese zweifelhafte Vorgehensweise beispielhaft. Hitler nennt sich hier einen „Sozialisten“. Gleichzeitig nennt er sich aber auch einen „Nationalisten“. Zusammen ergibt das den „Nationalsozialisten“. Würde man nur einen Satz daraus zitieren, nämlich Hitlers Bekenntnis zum Sozialismus, würde man den Inhalt zur Unkenntlichkeit verändern:

„Ich bin deutscher Nationalist. Das heißt, ich bekenne mich zu meinem Volkstum. Mein gesamtes Denken und Handeln gehört ihm. Ich bin Sozialist. Ich sehe vor mir keine Klasse und keinen Stand, sondern jene Gemeinschaft von Menschen, die blutsmäßig verbunden, durch eine Sprache geeint, einem allgemeinen gleichen Schicksal unterworfen sind.“ (Hitlers „Zweites Buch“, Kapitel „Nationalsozialistische Grundsätze“)

Wie kann man angesichts dessen daran zweifeln, dass die sozialistische Komponente nur eine von zwei verschmolzenen ist und dessen Definition nichts mit der der originalen Sozialisten zu tun hat?

Hinweis: Der zweite und letzte Teil des Beitrages erscheint in Kürze.

Beitragsbild / Symbolbild und Mitte: Katoosha / Shutterstock.com

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