Von Jan Ackermeier
Am 22. Jänner 1879, nur wenige Stunden nach der verheerenden Niederlage der britischen Truppen bei Isandhlwana, kam es an einem unscheinbaren Außenposten im damaligen britischen Kolonialgebiet Natal zu einem der bekanntesten Abwehrkämpfe des 19. Jahrhunderts: der Verteidigung von Rorke’s Drift. Eine kleine britisch-koloniale Garnison von rund 150 Mann, überwiegend Soldaten des 24th Regiment of Foot, sah sich dort einem Zulu-Verband von schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Kriegern gegenüber. Die Missionsstation, zugleich Nachschub- und Lazarettstelle, war militärisch kaum vorbereitet – einfache Gebäude, ein Lagerplatz, ein paar niedrige Mauern. Dennoch entschieden sich die Verteidiger, nicht zu fliehen, sondern den Posten zu halten.
Mutige FührungUnter der Führung von Leutnant John Chard und Leutnant Gonville Bromhead wurden in großer Eile improvisierte Befestigungen aus Mehlsäcken und Kisten errichtet. Als die ersten Zulu-Angriffe am Nachmittag des 22. Jänner einsetzten, entwickelte sich ein stundenlanger, erbitterter Kampf, der sich bis in die Nacht hinein zog. Immer wieder stürmten die Zulu-Krieger an, immer wieder wurden sie unter schwerem Feuer zurückgeschlagen. Mehrfach mussten sich die Verteidiger in den Innenbereich der Station zurückziehen, um nicht überflügelt zu werden. Besonders dramatisch waren die Kämpfe um das Lazarett, in dem verwundete Soldaten lagen und unter höchster Gefahr in das innere Verteidigungsgeviert gebracht wurden, während das Gebäude bereits brannte. Militärisch hatte die Schlacht von Rorke’s Drift nur begrenzte strategische Bedeutung. Symbolisch jedoch wog sie im britischen Empire schwer.
Keine erneute Katastrophe
Nach der Katastrophe von Isandhlwana bot der erfolgreiche Widerstand der kleinen Garnison einen willkommenen Gegenentwurf: die Erzählung vom standhaften, disziplinierten britischen Soldaten, der sich trotz aussichtsloser Lage behauptet. Die britische Öffentlichkeit griff diese Geschichte begeistert auf, Zeitungen stilisierten Rorke’s Drift zur heroischen Verteidigung „westlicher Zivilisation“ gegen eine „Wellenflut“ vermeintlich primitiver Gegner. In der Folge wurden elf Victoria Crosses, die höchste Tapferkeitsauszeichnung des Empire, für Rorke’s Drift verliehen – bis heute eine außergewöhnlich hohe Zahl für ein einzelnes Gefecht. Die Ereignisse vom 22. Jänner 1879 sind damit nicht nur ein Kapitel des Anglo-Zulu-Krieges, sondern auch ein Lehrstück über die Macht historischer Narrative. Allgemein bekannt sind die Ereignisse während der Kämpfe um Rorke’s Drift heute auch deswegen, weil sie 1964 im Film „Zulu“ mit Michael Caine verfilmt wurden.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: „Defense of Rorke’s Drift“ von Alphonse de Neuville, 1880. Urheber unbekannt.
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