Von Dario Herzog

Die Welt der Technoszene ist für ihren grenzenlosen Hedonismus bekannt. Musiker und DJs aus aller Welt werden wiederum weltweit herumgereicht. Umso angesagter ein DJ ist, umso eher spielt er in den Top-Clubs der Erdkugel. In Deutschland gilt das  Bootshaus in Köln als Top-Club der Szene. Alles, was international Rang und Namen hat, spielte hier schon. Immerhin steht der Club weltweit auf Platz 7 der beliebtesten Tanztempel elektronischer Musik. Das heißt schon was. Nur wurde es kürzlich ausnahmsweise politisch. Eine DJane spielte ein Lied, das nicht nur auf Wohlwollen traf. Die Künstlerin wurde – typisch deutsch – anschließend gemaßregelt. Was dann passierte?

„Katjusha“ sorgt für Ärger
Bei einem Auftritt im Bootshaus spielte die Techno-DJane und Produzentin Zanova eine Techno-Version des Liedes „Katjusha“. Das Stück sorgte aber bei Teilen des Publikums für Irritation und Ablehnung, berichtet das Szenemagazin FAZEMAG. Hintergrund ist die historische und politische Aufladung des Songs: Ursprünglich 1938 als sowjetisches Liebeslied entstanden, entwickelte sich „Katjusha“ im Zweiten Weltkrieg zu einem kriegerischen Symbol der Roten Armee. Später wurde der Name mit sowjetischer Kriegsführung assoziiert, da auch ein Raketenwerfersystem so bezeichnet wurde. Dadurch wird das Lied heute häufig nicht mehr als unpolitisches Volkslied wahrgenommen, sondern als Träger militärischer und patriotischer Bedeutungen. So hat das Lied auch einen antifaschistischen Kontext. Und ein solcher Kontext kann doch gar nicht falsch sein, oder?

Falsch gedacht!
Vor allem im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine empfinden manche Menschen das Abspielen des Songs mittlerweile als „problematisch“ oder „verletzend“, insbesondere Betroffene mit direktem Bezug zu Kriegserfahrungen. Eine Besucherin im Kölner Top-Club wandte sich, so das Szenemagazin, nach dem Auftritt an das Bootshaus und schilderte, dass ihre Begleitung – deren Ehemann im Krieg getötet worden war – durch die Musikauswahl psychisch stark belastet worden sei. Der Club, so heißt es, nahm daraufhin Kontakt mit der Künstlerin auf und verwies auf eigene Grundsätze wie politische Zurückhaltung und Sensibilität gegenüber einem international geprägten Publikum, zu dem natürlich auch Ukrainer zählen könnten.

Zanova reagiert öffentlich ablehnend
Die DJane betonte indes, das Lied sei kein politisches Statement, sondern Teil europäischer Kultur- und Musikgeschichte, was zum Teil durchaus stimmt, zumindest im antifaschistischen Kontext. Künstlerische Freiheit dürfe ihrer Ansicht nach nicht von der Zusammensetzung des Publikums eingeschränkt werden. In sozialen Netzwerken wies sie die Kritik ebenfalls zurück, stellte den Vorwurf mangelnder Sensibilität infrage und griff den Club direkt an. Pech für die deutschen Freiheitskritiker: Eine selbstkritische Auseinandersetzung oder ein Ausdruck von Mitgefühl blieb seitens der Künstlerin aus. Und das liegt vielleicht daran, dass sie nicht aus Deutschland ist. Zanova ist international als DJane tätig, produziert elektronische Tanzmusik aber auch. Hinter dem Künstlernamen steckt Olga Ryazanova, die ursprünglich aus Moskau stammt und heute in Portugal lebt und arbeitet. Musikalisch verbindet sie unterschiedliche Stilrichtungen zu publikumswirksamen Sets. Neben Auftritten veröffentlicht sie eigene Produktionen und Remixe über gängige digitale Plattformen.

Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit
Der Fall verdeutlicht die Spannungen zwischen künstlerischer Freiheit und angeblicher gesellschaftlicher Verantwortung in Zeiten aktueller politischer Konflikte außerhalb Deutschlands. „Katjusha“ wird heute vielfach als Symbol russisch-sowjetischer Patriotik gelesen und vor allem mit einer antifaschistischen Stoßrichtung verbunden. Daher war das Lied vor dem ukrainisch-russischen Krieg noch völlig unproblematisch, zumindest in unpatriotischen Kreisen. Linke Kulturkreise hätten das Lied vehement verteidigt. Nun canceln die gleichen Kreise das Lied als Verherrlichung des russischen Militärkomplexes. Was gestern noch „gesellschaftlich engagiert“ klang, ist heute schon „umstritten“. So kann es gehen, wobei das Lied aus patriotischer Sicht ohnehin kritisch zu sehen ist.

Beitragsbild / Symbolbild und Mitte: Gorodenkoff / Shutterstock.com (Das Bild zeignt nicht die thematisierte Künstlerin)

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