Religiosität wird in den USA anders behandelt als hierzulande. Man versteckt dort seinen Glauben nicht und kommt mit christlichen Argumentationen nicht automatisch in die Defensive. Im Gegensatz zur hiesigen, sofortigen gesellschaftlichen Ächtung jeder aufrechten religiösen Äußerung im Bekanntenkreis und darüber hinaus in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, gehört es in den USA zum guten Ton, einer Kirche anzugehören.

Die erfolgreichen Kirchen sind auch fast alle von privater Seite gegründet und finanziert. Man bemüht sich um größtmögliche Staatsferne, freut sich aber natürlich über den Gottesdienstbesuch staatstragender Mitglieder. Dass es bei den großen Kirchen in den USA nicht immer nur mit rechten Dingen zugeht, steht dabei auf einem anderen Blatt. Zu erkennen an einer der zentralen Aussagen von Joyce Meyer, einer evangelikalen Predigerin, die vielen durch die Übertragung ihrer Predigten auf Bibel.TV bekannt sein dürfte:

Erfolg ist ein Zeichen dafür, dass Gott mit Dir ist.

Diese Sichtweise findet der hiesige, auch vom franziskanischen Mönchtum geprägte Christ befremdlich.

Es gehört zum Allgemeinwissen, dass jede zielgerichtete Aktion Nebenwirkungen hervorbringt. Auch wenn die Zahl der offiziell gemeldeten Gläubigen in den westlichen Ländern abnimmt, besinnt sich der harte Kern umso mehr auf die zentralen Werte und stärkt sich durch Vernetzung. Hier ein Link mit weitergehenden Zahlen zum Thema.

Die russische religiöse Konstitution ist gänzlich anders gestrickt

Die Verbindung von Staat und Religion ist dort zentraler Bestandteil der nationalen Identität. Neben einem Stabilisierungswillen nach innen gibt es auch ein großes Sendungsbewusstsein nach außen. So vernetzen sich russische Akteure mit vielen Organisationen im Ausland und werden unterstützend tätig, wo die moralische Verkommenheit des Westens (wir berichteten) bekämpft wird.

Der Deutschlandfunk sendete am 05. Mai 2021 einen Bericht über den World Congress of Families und bezeichnet diesen als „Weltweites rechtes religiöses Netz“. Link zur Sendung. Der Beitrag listet unter anderem minutiös die bisherigen Treffen dieses Kongresses auf und lässt die Religionssoziologin Kristina Stoeckl ihre Beobachtungen schildern (Minute 06:20).

Die Vortragenden sind in der Regel immer dieselben und tragen immer wieder dieselben Thesen vor.

Warum wohl? Für mich war schon an vielen Stellen dieser Satz prägend: Warum immer die gleichen Vorwürfe? Wegen der immer gleichen Fehler.

Bezeichnend ist auch, dass ein Grusswort eines großen geistlichen Würdenträgers zum 13. Kongress 2021 in Verona nicht von Papst Franziskus, sondern vom russischen Patriarch Kyrill I. verlesen wird.

Hier sei noch ein Zitat des Publizisten Dr. Steve Turley bei seiner Rede angeführt:

we are no right-wing losers
we are no medieval throwbacks
we are the future
and there is nothing, absolutely nothing, that the secular world can do about that

Der Bericht fährt fort und stört sich daran, dass der damalige italienische Innenminister Salvini bei seiner Rede ein T-Shirt überstreift, auf dem ein Mann, eine Frau und zwei Kinder abgebildet sind – die traditionelle Familie. So geht es dann noch eine Viertelstunde weiter. Jede vernünftige Äußerung wird als unltrakonservativ, als rechts außen und mit den restlichen sattsam bekannten Vokabeln kommentiert.

Natürlich unterschlägt der Deutschlandfunk den Gegenprotest draußen vor der Tür nicht und huldigt in geradezu lieblichem Ton dem Aufzug der linken Tagediebe, Taugenichtse und Tunichtgute (Minute 5:00).

Gegründet wurde der World Congress of Families 1997 von einem US-Amerikaner und einem Russen mit dem Ziel, die traditionelle Familie wieder in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken. Ein finanzkräftiger Geldgeber des Kongresses ist der Russe Wladimir Jakunin, der bis 2015 Präsident der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft war. Und hier schließt sich der Kreis vom US-südstaatlichen Bible-Belt über Ungarn bis nach Russland. Dass sich an einigen Stellen in Russland unvorstellbare Vermögen auftürmen, ist kein Geheimnis und so mancher nutzt dann eben sein Geld, um allerorten Einfluss auszuüben und sich Gehör zu verschaffen.

Die Scheinheiligkeit der westlichen Berichterstattung

zeigt sich im Verschweigen, dass der Westen seit Jahr und Tag nichts anderes tut. Jeder weiß – um nur ein Beispiel zu nennen – was sich in den mitgeführten Koffern befand, als Genscher mit gelbem Pullunder bekleidet ein Flugzeug bestieg. Man kann das gut oder schlecht finden, aber es ist keine neue russische Erfindung.

Die Sendereihe Tag für Tag des Deutschlandfunk beleuchtet in Ihrer Ausgabe vom 23. März 2022 dieses Themenfeld erneut. Link zur Sendung. Dabei kommen viele US-Stimmen zu Wort, die sich von ihren persönlichen Lebensleitlinien her eher bei Putin als bei Biden verortet sehen. Sie sehen in ihm den Retter christlicher Werte und machen aus ihrer Bewunderung für den russischen Präsidenten keinen Hehl.

Der Deutschlandfunk bemüht sich dabei, wie immer, jegliche ernstgemeinte und nicht nur lebensschmückende Religiosität ins rechte Eck zu stellen. So wird der Begriff „religiöse Rechte“ in dieser kurzen Sendung 11-mal gebraucht. Ich hoffe, ich habe keine Erwähnung unterschlagen.

Es ist wie mit der Werbung von Seitenbacher, die allerdings in ihrer primitiven Genialität nicht zu überbieten ist.

So, Karle – jetzt hem mir´s g´schafft!
Guat, dass mir des
Seitenbacher Bergsteigermüsli
g´essa hend.
Jo, des neie Bergsteigermüsli vom Seitenbacher.
Seitenbacher Bergsteigermüsli.
Bergsteigermüsli von Seitenbacher.

Herrlich!

Gerhard Reiter von textcetera.de ist da anderer Meinung:

Dieser überdurchschnittlich unsägliche Funkspot macht uns unmissverständlich klar, dass unmittelbar neben dem Gipfel der Abgrund liegt.

Der sprachlich-funktionale Aspekt

Seitenbacher will nichts anderes, als seinen Firmennamen durch möglichst häufige Nennung dem Zuhörer ins Gehirn zu hämmern. Man nennt es auch Marketing.

Nun muss jedoch der Deutschlandfunk nichts verkaufen. Marketing fällt also als Motivation aus. Nennen wir es beim Namen: es ist pure Agitation.

Google-Suche von agitation:

Definitionen von Oxford Languages
Agi·ta·ti·on
/Agitatión/
Substantiv, feminin [die]

1.
abwertend
aggressive Tätigkeit zur Beeinflussung anderer, vor allem in politischer Hinsicht; Hetze
“Agitation betreiben”
2.
politische Aufklärungstätigkeit; Propaganda für bestimmte politische oder soziale Ziele
“Agitation für eine Koalition”

Ist dies die Aufgabe des öffentlich rechtlichen Rundfunks? (Wir berichteten bereits.)

Ist Religion rechts?

So sind also alle rechts, die es mit Gott und seiner Schöpfung ernst meinen, daraus Richtlinien für das eigene Leben ableiten und sich dann auch daran halten. Durch diesen agitativen Sprachgebrauch machen sich die Medien aber zum Haupttäter der aktuellen Gesellschaftsspaltung, indem sie bisher nicht so standhafte und sich durch die gesellschaftliche Mitte hindurch lavierende Mitmenschen zu einer Entscheidung zwingen.

Rechts will ich nicht sein! Was da gesagt wird, gefällt mir aber eigentlich… Aber lieber nicht anecken! …dann werfe ich halt meinen Restbrocken Religiosität besser aus dem Fenster.

Diese Entwicklung erlebe ich in meinem erweiterten Umfeld täglich.

Im Umkehrschluss gilt dann aber auch: Links ist demnach alles, was vernünftige Lebensprinzipien ablehnt und bekämpft. Aber das liegt ja auf der Hand… Ich gestehe – der Neuigkeitswert dieser Meldung tendiert gegen Null.

mb

Bild von Franck Barske auf Pixabay und von mb