Was sagen die Russen über sich und ihr Volk? Eine Zitate-Sammlung

Und doch – hier ist es, unser Russland, hier fühlt und hört man unser Mütterchen. O, wir sind ja so unmittelbar, wir sind zugleich gut und böse, in erstaunlicher Mischung, wir sind Verehrer Schillers und der Aufklärung, und zu gleicher Zeit toben wir in Gasthäusern umher und reißen unseren trunkenen Zechkumpanen die Bärte aus. O, wir pflegen auch sonst gut und edel zu sein, aber nur dann, wenn es uns selbst gut geht. Im Gegenteil, wir können uns sogar leidenschaftlich – gerade leidenschaftlich – für die edelsten Ideale begeistern, doch nur unter der Bedingung, dass sie sich ohne unser Zutun erreichen lassen, dass sie von selbst vor uns auf den Tisch fallen, meinetwegen direkt vom Himmel herab, und die Hauptsache: das es umsonst, umsonst geschehe, dass wir nichts dafür zu bezahlen brauchen. Zu zahlen lieben wir ganz und gar nicht, dafür aber lieben wir sehr, zu bekommen – in jeder Beziehung. O, gebt , gebt uns alle möglichen Lebensgüter – unbedingt alle möglichen, unter dem tun wir es nicht – und vor allem, setzt unserem Temperament nichts in den Weg, in keiner Beziehung, dann werden wir beweisen, dass auch wir gut und edel sein können! Wir sind nicht habsüchtig, o nein, aber einstweilen, gebt uns nur Geld, mehr, mehr, so viel Geld wie möglich, und ihr werdet sehen, wie großmütig, mit welch einer Verachtung für das verächtliche Metall, wir es in einer einzigen Nacht, während eines zügellosen Gelages, um uns werfen werden. Gibt man uns aber kein Geld, so werden wir zeigen, wie wir es uns zu verschaffen wissen, wenn wir dies nur wollen!

– Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, S.1142f.

Ja, wenn Russen zusammenkommen, reden sie einzig über höhere Materie und über Frauen. Wir sind derart intelligent, derartig wichtig, dass wir nur Wahrheiten von uns geben und lediglich Probleme höherer Ordnung lösen können. Ein russischer Schauspieler kann keine Possen reißen, selbst im Vaudeville spricht er pathetisch; und wir ebenso: Kommt die Rede auf Belanglosigkeiten, behandeln wir sie nie anders als von höherer Warte aus. Uns mangelt es einfach an Mut, Offenheit und Natürlichkeit. Von den Frauen reden wir wohl deshalb so oft, weil wir unzufrieden sind. Wir idealisieren sie allzu sehr und erheben Forderungen, die in keinem Verhältnis dazu stehen, was die Realität zu leisten vermag, und erhalten bei weitem nicht das, was wir möchten, was dann unweigerlich zu Unzufriedenheit, zerstörten Hoffnungen und Seelenschmerz führt. Und was einen schmerzt, darüber spricht man dann.

– Anton Tschechow, Ariadna S.492f.

Ein unerklärliches Volk, herzlich, gutmütig, liebenswert und zugleich brutal und unberechenbar.

– Wladimir Lindenberg (Emigrant des russischen Hochadels), Bobik im Feuerofen. Eine Jugend in der russischen Revolution. S.143.)

Ach, dieses russische Volk – was kann man von diesen unwissenden Arbeiter- und Bauernmassen erwarten, wenn hochgebildete Menschen, Studenten seelenruhig solche Gemeinheiten begehen … Nein, die Russen können sich die Freiheit nicht erkämpfen, und sie können nicht in Freiheit leben. Von dem Moment an, als die Slawen die Waräger zu ihren Herrschern bestimmten, hat immer jemand über sie geherrscht. Und das wird auch immer so bleiben.

– Nina Lugoskaja: Ich will leben. Ein russisches Tagebuch 1932-1937. Carl Hanser Verlag München/Wien 2005.

Für einen Russen ist das Trinken nichts Außergewöhnliches –seit alters gibt es hierzulande die Gestalt des ‚fröhlichen Zechers’, der ohne sein Zechgelage nicht leben kann. Was sich jedoch heute in Russland abspielt, kann man nicht mehr Trinken nennen; es herrscht eine Art Massenalkoholismus.

– Wladimir Bukowski, Wind vor dem Eisgang. Berlin u.a. 1978.S.261.

„Da hast du am Ende recht,” sagte er. „Wir sind Wilde. Einfach verrückt.“ – „Nun also! Ich habe mich lange genug in der Welt herumgetrieben, na und? Nirgends habe ich langweiligere und faulere Leute gesehen.“

„Das ist ja unsere liebste Gewohnheit, unsere schlimmste Eigenschaft: Wort und Tat stimmen nicht überein. Das ewige russische Lied: Wie ein Schwein leben ist scheußlich, und doch lebe ich so und werde immer weiter so leben.“

„Jetzt überleg dir mal – gibt es ein grausameres Volk als unseres? In der Stadt läuft der ganze Markt hinter einem Jungen her, der von einem Stand einen halbfaulen Apfel geklaut hat, und haben sie ihn gefangen, dann stopfen sie ihm Seife ins Maul. Zu einem Brand, zu einer Keilerei rennt die ganze Stadt, und wie traurig sind sie alle, wenn der Brand oder die Keilerei schnell zu Ende sind! Schüttle den Kopf nicht. Es ist schon so. Es tut ihnen wirklich leid. Und wie viel Spaß macht es ihnen, wenn einer seine Frau halbtot prügelt, oder seinem Lehrjungen die Knochen entzwei schlägt, oder sich über ihn lustig macht. Jawohl, das ist das allerlustigste Thema hierzulande.“

– Iwan Bunin, Das Dorf, S.36 ff.

Den russischen Bauer, den er nur als wandernden Hausierer und kleinrussischen Ansiedler kennt, nennt der Kosak einen Kriecher, ein fremdes, niedriges, verächtliches Wesen.

Jedes Kosakenhaus ist reichlich mit Wein versehen, und das unmäßige Trinken ist mehr als eine Gewohnheit, es gilt als eine Sitte, deren Nichtbeachtung einem echten Kosaken zur Schande gereicht. Das Weib ist für den Kosaken nichts weiter als ein Mittel zum Erwerb, nur das Mädchen darf es sich erlauben, sich zu zerstreuen und zu vergnügen, die Frau muss von frühester Jugend bis in das hohe Alter schwer für den Mann arbeiten, der nach orientalischer Sitte von ihr Demut und Unterwürfigkeit verlangt.

– Leo N. Tolstoi, Die Kosaken, S.27f.

dr_fa

 

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