In der Sendereihe Tag für Tag des Deutschlandfunks gab es am 7. März 2022 einen bemerkenswerten Beitrag, in dem die russische Seelenlage zu Krim, Kiew und Ukraine anhand einer Abhandlung von Jürgen Buch beleuchtet wurde. Der Beitrag versucht, die geschichtlich-religiöse Seite des Ukraine-Krieges aus russischer Sicht herauszuarbeiten.

Für das heutige Russland stellt die Massentaufe im Jahr 988 am Dnepr ein Gründungsmythos dar: Der Kiewer Großfürst Wladimir heiratete die Schwester des byzantinischen Kaisers Basileios II. und musste dafür nach byzantinischem Ritus christlich getauft werden. Er erklärte das Christentum zur Staatsreligion und es kam im Jahr 988 zur besagten Massentaufe im Dneprfluss. Es entstand dadurch das christliche Territorium der Kiewer Rus, das als Preis für die Beziehung zum byzantinischen Kaiserhaus gegen die Krim in den Krieg ziehen musste. Der 28. Juli ist als Tag der Taufe der Rus sowohl in Russland als auch in der Ukraine seit mehr als zehn Jahren offizieller Feiertag.

Der Deutschlandfunk lässt in seinem Beitrag Leonid Reschetnikow, Direktor des russischen Instituts für strategische Forschung, für Russland sprechen:

„Hier begann die historische Mission des russischen Volkes. Das Licht Christi, unser Verständnis vom Leben und unsere orthodoxe Zivilisation der ganzen Welt zu bringen. […] Dass die Wiedervereinigung der Krim unter Präsident Wladimir erfolgte – Putin –, ist nicht nur ein geopolitisches Ereignis, es ist ein göttliches Ereignis.“

Nun gibt sich der Deutschlandfunk große Mühe, diese für die russische Seele, die russische Prawda, unumstößliche geschichtliche Grundlage in einer großen Schleife vom evangelischen Theologen Prof. em. Dr. Heinz Ohme, der an der Humboldt-Universität Berlin gelehrt hat, ins politisch korrekte Licht zu rücken:

„Jeder, der historisch sich ein wenig auskennt, der muss ja sofort zu der Erkenntnis kommen, dass das eine ganz fragwürdige Äußerung ist, weil die Krim eigentlich bis zu Zeiten Katharinas der Großen nicht Teil des russischen Imperiums gewesen ist.“

Auf diesem Standpunkt ließe sich ein ganzer Historikerstreit aufbauen, der an dieser Stelle nicht weiterverfolgt werden soll. Vor dem Hintergrund der geschichtlichen Hergänge und religiösen Überzeugungen um den Kiewer Großfürsten und orthodoxen Heiligen Wladimir lässt sich trotz allen Disputs die starke Verbindung des amtierenden russischen Präsidenten Putin, die er auch so in den Medien zur Schau stellt, erklären.

Der Deutschlandfunk zitiert dafür Putin bei einem Treffen mit Patriarch Kyrill:

Die russisch-orthodoxe Kirche war zu jeder Zeit an der Seite des Volkes. Sie hat mit dem Volk alles Leid und alle Freude geteilt. Sie hat das Volk unterstützt und inspiriert. Sie hat das moralische Fundament unseres gesellschaftlichen Lebens und unserer nationalen Staatlichkeit gelegt. Die Grundlage all unserer Siege und Errungenschaften sind Patriotismus, Glaube und die Kraft des Geistes.

Den geschichtlich Interessierten muss das an das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erinnern.

Durch die gewählte Reihenfolge der Zitate sät der Deutschlandfunk einen Zweifel an der Zulässigkeit der russischen Perspektive, der den Hörer während des gesamten Beitrages nicht mehr loslassen soll. Auch nicht dann, als die russische Orthodoxie mit einer Kritik an unglaubwürdig vermittelten Menschenrechten zu Wort kommt:

Auf dem Allrussischen Weltkongress in Moskau 2006 sagt Patriarch Kyrill I., die traditionellen Werte des heiligen Russland hätten Vorrang vor dem Konzept der allgemein gültigen Menschenrechte. (…) Im Westen sei eine gewaltige Industrie der moralischen Verkommenheit am Werke. Die russische Orthodoxie sei die einzige Kraft, die sich dieser tödlichen Bedrohung entgegenstellen könne.

Dies liefert Putin die Vorlage für sein politisches Handeln. Er weiß sich unterstützt von der orthodoxen Kirche. Aber den westlich geprägten Zuhörer lässt eine solche Sicht aufhorchen. Es wird an dieser Stelle vermieden, das Füllhorn der politisch korrekten Interpretation darüber auszuschütten – wahrscheinlich wohlwissend, dass der Westen tatsächlich unter einer moralischen Verkommenheit leidet, der niemand von Rang etwas entgegenzusetzen vermag: nicht die politische Elite, nicht die sozialen Verbände und schon gar nicht die römisch-katholische Kirche unter ihrem derzeitigen Papst oder etwa die evangelischen Glaubensgemeinschaften. Dies sind gerade die Gruppierungen, die in diesem Sender bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausführlich zu Wort kommen und mit ihrem geradezu ohrenbetäubenden Schweigen nichts zu sagen haben zu den Werten, die Europa einmal unabhängig von der Charta der Vereinten Nationen zum führenden Kulturzentrum der Welt machten.

Problematisch ist die Darstellung des Deutschlandfunks deshalb, weil der Versuch unternommen wird, die russische Seelenlage durch eine forcierte Geschichtsinterpretation ins schlechte Licht zu rücken. Richtig ist stattdessen, die Tatsachen ohne Wertung zur Kenntnis zu nehmen, damit die geopolitisch begünstigte Partnerschaft der Deutschen und der „Rus“ endlich gelebt werden kann.

Eine Frage bleibt offen: Wenn die Russen, Weißrussen und Ukrainer mit Volk und Religion auf die Kiewer Rus zurückgehen, für wen wird dann in diesem Krieg gekämpft?

mb, Aaron Kimmig

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Beitragsbild von OudsidEscape via Pixabay