Was vor einem Jahr noch undenkbar war, Putin macht’s möglich: Finnland erwägt den Eintritt in die NATO. Der russische Überfall auf die Ukraine hat in Finnland ein Déjà-vu-Erlebnis ausgelöst, das tief im kollektiven Bewusstsein als Winterkrieg verwurzelt ist.

Der Überfall der Sowjetunion auf Finnland

Am 30.11.1939 überfiel die Sowjetunion (SU) mit überlegener militärischer Macht das kleine Land. Die Finnen wehrten sich heldenhaft. 3,7 Millionen Menschen wagten es, einer Weltmacht zu trotzen, die 194 Millionen Einwohner zählte. Aber am Ende mussten sie sich geschlagen geben.

Finnlands Verteidigungswille

Im Sommer 1939 hatte die Nation ihren Verteidigungswillen in einzigartiger Weise bewiesen. Tausende Männer opferten ihre Ferien, um ohne Bezahlung an der Befestigung der karelischen Landenge mitzuarbeiten. Finnland fühlte sich als Vorposten des Westens. Ein vielzitiertes Gedicht von Uuno Kailos drückte das finnische Verständnis aus:

Wie ein Riss im Eis ist die Grenze,

vor mir Asien, der Osten,

hinter mir Europa, der Westen,

wie eine Schildwache steh‘ ich auf Posten.

Teil der russischen Interessensphäre

Die Sowjets hatten viele Flugplätze und Eisenbahnlinien in der ostkarelischen Einöde angelegt. Von Großbritannien und den nordischen Staaten erhielten die Finnen keine Hilfe. Im geheimen Vertrag zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der bolschewistischen SU war Europa aufgeteilt worden. Finnland war der russischen Interessensphäre zugesprochen worden.*

Die Sowjetunion besetzt zahlreiche Länder und fordert von Finnland…

Die Sowjetunion holte sich Schlag auf Schlag die ihr zugesprochene Beute: Ostpolen, Estland, Lettland, Litauen, Bessarabien und verlangte von Finnland im Oktober 1939 die Abtretung eines kleinen Territoriums auf der karelischen Landenge und Verpachtung von Inseln am Eingang des Finnischen Meerbusens. Im Austausch sollte Finnland ein Stück von Ostkarelien erhalten.

Verhandlungen Finnlands mit der Sowjetunion

Finnland lehnte ab, befürchtete, dass die SU ganz Finnland erobern wollte und glaubte, dem Schicksal der baltischen Staaten entgehen zu können. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs versuchten sie, durch wochenlange Verhandlungen mit den Sowjets ihre territoriale und staatliche Integrität zu bewahren. Aber nach der Unterbrechung der Gespräche wartete die finnische Delegation in Moskau vergebens auf eine Fortsetzung.

Die Sowjetunion kündigt den Nichtangriffspakt

Nach einem Artillerie-Zwischenfall beschuldigte der sowjetische Außenminister Molotow die Finnen, ein sowjetisches Dorf an der karelischen Grenze unter Beschuss genommen zu haben. Am 29.11.1939 kündigte die Sowjetunion den Nichtangriffspakt, brach die diplomatischen Beziehungen ab und begann am 30.11.1939 mit der Bombardierung Helsinkis und ostfinnischer Städte den Angriff auf Finnland.**

Eine finnische Marionettenregierung

Am 30.11.1939 überschritt die sowjetische Armee die östliche Grenze in allen Abschnitten. Die Sowjetregierung setzte eine finnische Marionettenregierung ein. Jetzt war den Finnen klar, dass es um die nationale Unabhängigkeit ging. Die Regierung appellierte an den Völkerbund. Dieser antwortete, dass die SU durch ihren unprovozierten Angriff auf Finnland sich selbst aus dem Völkerbund ausgeschlossen habe.

Russlands Ausschluss aus der sterbenden Organisation beeinflusste den Lauf des Krieges nicht mehr als die Druckerschwärze, die die Weltpresse vergeudete, um Finnland zu verherrlichen, als das Lob Finnlands, das von Staatsmännern wie Churchill gesungen wurde, oder als die kleinen Scharen von Freiwilligen, die aus dem Ausland kamen. Die Welt hatte einen Zuschauerplatz in der Arena eingenommen, zuerst, um über das tragische Geschick der armen Finnen zu weinen, dann um ihrem Kampfgeist Beifall zu spenden. Ihre platonische Sympathie bedeutete keine praktische Hilfe in Finnlands militärischer oder politischer Lage, aber die psychologische Wirkung stärkte im Augenblick Finnlands Entschlossenheit.***

Die Mannerheim-Linie hält sich

Eine nationale Bewegung entstand in Schweden mit dem Ziel, Finnland zu helfen. Aber die Politiker hielten eine Beteiligung am Krieg für zu gefährlich. Zwei Monate lang hielt die schlecht bewaffnete finnische Armee ihre wichtigsten Verteidigungslinien auf der Karelischen Landenge. Die Mannerheim-Linie bestand nur aus einigen zerstreuten Maschinengewehrnestern.

Die Finnen, die sich im waldigen Gelände gut auskannten, verfolgten die Taktik, die eingedrungenen Divisionen in der weiten Einöde in kleine Teile aufzubrechen und einzukesseln. Zwei der roten Divisionen konnten vernichtet werden.

Die Finnen schrieben eines der ehrenvollsten Kapitel in der Kriegsgeschichte der Welt.****

Der Februarangriff der Sowjetunion

Die Sowjets begannen zu Beginn des Februars mit ihrem größten Angriff auf die Karelische Landenge. Über die zugefrorenen Sümpfe konnten die Panzer jetzt hinwegfahren. Nach zwei Wochen schwerer Gefechte brach die Mannerheim-Linie bei Summa zusammen und die Finnen mussten sich bis Viipuri zurückziehen. Der Feind konnte über das Eis der Bucht von Viipuri die schwache rechte Flanke der Finnen angreifen.

Da der Finnland versprochene Beistand nur gering war, sahen sich die Finnen gezwungen, auf die angebotenen Friedensbedingungen der Sowjets einzugehen. Sie mussten beträchtliche territoriale Verluste hinnehmen und zusätzlich Hanko als Militärbasis an die Sowjets verpachten.*****

Rückeroberungswille der Finnen

Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion wollten die Finnen die verlorenen Gebiete in Karelien zurückerobern, in einem „Fortsetzungskrieg.“

Waffenstillstandsvertrag mit der Sowjetunion

Nachdem klar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, versuchten sie zu retten, was zu retten war, und schlossen mit der Sowjetunion am 19.9.1944 einen Waffenstillstandsvertag, der ihnen harte Bedingungen auferlegte.

Sie mussten sich hinter die Grenzen von 1940 zurückziehen, die Armee demobilisieren, Reparationszahlungen in Höhe von 300 Millionen Dollar zahlen und die deutschen Truppen innerhalb von 14 Tagen entwaffnen. Die über die Grenze nach Norwegen zurückweichenden deutschen Truppen verfolgten eine Taktik der verbrannten Erde. Es entwickelte sich ein regelrechter Krieg, der sich vom 28.9.1944 bis zum 27.4.1945 hinzog. Eine offizielle Kriegserklärung Finnlands erfolgte erst am 3.3.1945.

Förmlicher Friedensvertrag

Zu einem förmlichen Friedensvertrag mit den Siegermächten kam es am 10.2.1947. Die Waffenstillstandsbedingungen blieben im Wesentlichen erhalten.

Zeit des Kalten Krieges

In der Zeit des Kalten Krieges verfolgte Finnland eine vorsichtige Politik gegenüber der Sowjetunion, die man im Westen zum Missfallen Finnlands als „Finnlandisierung“ bezeichnete.

 

* Eino Jutukkala in Verbindung mit Kauko Pirinen: Geschichte Finnlands. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart 1976. S.374.

** Siehe: Edgar Hoesch: Kleine Geschichte Finnlands. Winterkrieg und Fortsetzungskrieg. München 2009. S.131.

*** Eino Jutukkala/ Kauko Pirinen: a.a.O. S.379.

**** Eino Jutukkala/Kauko Pirinen: a.a.O. S.380.

***** Eino Jutukkala/Kauko Pirinen: a.a.O. S.374 ff.

 

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Bild: pixabay morket Draußen – Landschaft, Wikipedia Winterkrieg

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