Märchenhaft leben

wollt ich eigentlich immer in meinem Leben. Und gar nicht selten ist es mir gelungen.

Es fing schon in frühester Kindheit an. Vom dritten bis zum 9ten oder gar 13ten Lebensjahr verbrachte ich meine ganze Freizeit auf den Trümmern, die die Alliierten den Freiburgern beschert haben.

Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich war frei. Meine Eltern haben mich nie angebunden. Ich werde ihnen ewig dankbar sein, dafür.

Alles, was ich kann, habe ich da gelernt: Männlichkeit. Ritterlichkeit. Edelmut und fair zu sein. Zu kämpfen für die hochgesinnte, edle Frau. Ohn’ Erbarmen. Doch lag der Verlierer winselnd am Boden, wurde immer Gnade vor Recht gewährt.

Die Schule habe ich träumend abgesessen. Wenn der Lehrer mich aufrief, bekam ich stets rote Ohren. Meine Träume waren honigsüß. Gespeist aus den Romanwelten des guten Herrn Dostojewski und seiner lieben Frau. Anna, ihr Name. Ohne sie wär er verloren gewesen. Das ist die Rolle der Frau. Den Mann zu stützen und zu ergänzen, wo er schwach ist, und nicht weiter kann. Des Mannes Rolle ist es nunmal, zu kämpfen und zu siegen. Manche mit der spitzen Feder. Das Weib muss seine Wunden heilen. Ihn trösten und (wieder) aufbauen. So ist es eben. Das Leben. Früher gewesen. Heut nur noch selten. 10 %. Immerhin.

Als junger Mann begann ich als Märchenprinz zu leben. Ich wandelte glücklich – selig – traumwandlerisch durchs Leben. Bis ich meine Prinzessin fand. Ich kann euch sagen, sie hatte eine Figur, zum Steinerweichen. Zwei wackre Söhne sind daraufhin entstanden.

Um die 40…

In der Mitte meines Lebens, so um die 40, merkte ich, etwas stimmt nicht. Lag es an mir? Oder an der Frau? Oder an den verflixten Hormonen?     Zuviel weibliche, vielleicht? Jedenfalls bekam ich keinen mehr hoch. Ich ging nicht zum Arzt oder einem Apotheker, nein, ich ging ins Bordell.

Auf der Reeperbahn nachts um halb 1. Ob du ein Mädel hast oder hast keins…

Hans Alberts hats gesungen.

Ich ging schon um halb 12. Entprechend groß war die Auswahl. Ich wählte sorgfältig. Schließlich ging es um Alles oder Nichts. Eine tolle Figur musste sie haben. Hab sie schnell gefunden. Es gab da ein Tanzlokal mit Tischtelefonen. Eine halbe Stunde später war es raus:  An mir lag’s nicht. Es musste an was anderem liegen.

Dann war mir klar

Ich grübelte 2 oder 3 Jahr’. Dann war mir klar, woran es lag. An der seit 3 Jahrzehnten betriebenen systematischen Verhässlichung der Frau. Per Modediktat. Und an der erst verleugneten und schliesslich verlorenen Weiblichkeit. Wie und warum das gekommen ist, konnte ich damals nicht ergründen. Die Wurzel des Übels wurde mir erst ein paar Jahre später klar.

Zunächst aber musste eine Lösung her. Und da ich ein kreatives Kerlchen war, ersann ich einen Plan, die weibliche Schönheit, also die Weiblichkeit, wie ich sie von den 50 er und 60 er Jahren her kannte, wiederherzustellen. Mitsamt der damit verbundenen Erotik. Nicht zu verwechseln mit Sex.

Kurzerhand eröffnet

Ich eröffnete kurzerhand neben meinem Ingenieurbüro an exponierter Stelle in Hamburg einen Mode-Salon. Tags plante ich Heizungs- und Klimaanlagen. Nachts fertigte ich aus meinen kühnsten Mode-Träumen Traum-Modelle und nannte dies SCARLETT-MODE. Mode für Zierliche und selbstbewusste Frauen. Wie die Scarlett O’Hara eine gewesen war. 100 Jahre davor. Die mit der berühmten  Wespentaille. Wie im Buch VOM WINDE VERWEHT beschrieben:

Und als die in Fischbein gezwängte Taille immer noch schmaler wurde, bekamen ihre Augen einen stolzen, liebevollen Glanz. …

Margaret Mitchel, die Autorin, selbst quasi im Korsett geboren, fand es offensichtlich ganz natürlich, die handgemachte schmale Taille zu glorifizieren. Ihre Scarlett hatte die schmalste in allen drei Provinzen. Und alle bewunderten und beneideten sie darum.

Träume wurden Wirklichkeit

In zwei Jahren verwandelte ich solchermaßen 200 Aschenputtel in Prinzessinnen und Königinnen. Ihre und meine Träume wurden Wirklichkeit.

Meine Männlichkeit ist zurückgekehrt.

Das Leben war wieder schön.

(Fortsetzung folgt)

 

Antonio B.

 

Dem geneigten Leser seien die ersten beiden Teile des Märchens nicht vorenthalten:

Teil 1:

https://freiburger-standard.de/2022/05/15/es-wuerde-natuerlich-beginnen-wie-jedes-maerchen/

Teil 2:

https://freiburger-standard.de/2022/05/16/es-koennt-ihr-ergehen-wie-einst-esther-vilar/

 

Bilder: pixabay JillWellington Wäscheleine kleine, anhtuannguyendlh Rückseite Mädchen