die sich über mehrere Wochen hinzieht, ja, Monate, kann das ein Mensch denn aushalten, ist das physikalisch und vor allem psychisch aushaltbar, ohne vor schierer Freude zu explodieren ? –

Wer dies fragte, mit glockenreiner Stimme, zu nachtschlafener Zeit, war meine jüngste Tochter, die Amelié. Sie hatte im letzten Jahr das Abitur mit 1 bestanden, was ja ihres Erachtens keine große Kunst sei, bei den idiotisch niedrigen Ansprüchen, die heutzutage an die Schüler gestellt werden. Ich fand es trotzdem beachtlich und hätte ihr am liebsten meinen alten Porsche geschenkt.

Kann ihn eh nicht mehr halten, bei den Benzin- und Parkplatzpreisen. Sie hat aus denselben Gründen dankend abgelehnt. Wollte lieber nach Peru reisen, wo sie im Jahr davor schon einmal war.

Wer nun bei Orgie gleich an Sex denkt, hat sich geirrt. Mit Sex hat meine Tochter erstaunlich wenig, oder sagen wir besser, nicht besonders viel im Sinn. Als sie in der Schule darüber aufgeklärt wurde, kam sie lachend zu mir nach Haus und sagte einfach: Die spinnen, die Lehrer. Was sie mir dann erzählte, hat ihre Meinung gänzlich bestätigt.

Nein, ich hatte ihr in glühenden Worten meine Erlebnisse erzählt, die inneren, aber vor allem die äußeren. Was sich hier abspielt, jeden Tag, vor meinen trüben Augen. Ich meine den Frühling. Die Bäume, die Sträucher, die Vögel, die Luft, ich möchte weinen vor Glück.

Meine Wohnung zu beschreiben, und meinen Balkon, das würde schon ein schmales Büchlein füllen. Noch viel mehr, was ich sehe, rieche, höre, wenn ich den Balkon begeh und auf den Platz vor meinem Haus und in die Ferne seh.

Ich hatte meiner Tochter davon berichtet. Vielleicht in zu glühenden Farben. Mag sein. Ich neige zur Übertreibung. Das ist meine Schwäche. Obwohl, ich denke, man kann in den Worten nicht annähernd ausmalen, was da geschieht, wenn im Frühling das Leben erwacht, nach langem Winterschlaf.

Nun sehe ich schon förmlich des Lesers Lust sinken, nachdem er erkannt, worum es hier geht:

Eine Hymne zu singen. Und auch noch über den Frühling. Und das Glück, ihn zum zweiten Mal schon erleben zu dürfen. Zum zweiten Mal ? Ich dachte, Du wirst demnächst 80? Ja. Das auch.

Aber eigentlich war ich vor einem Jahr schon verstorben. Ich meine, seelisch, geistig. Dement. Auch körperlich war ich schon weitgehend abgebaut. Stimme weg. Haarausfall. Muskelschwund. Nichts funktionierte mehr richtig. Der Stuhlgang nicht. Der Urinfluss nicht. Bzw. mal zu wenig, mal zuviel. Das Gleichgewicht nicht. Die Koordination der Augen nicht. Rapider Gewichtsverlust. U.v.m.

Jeden Abend war ich froh, wenn ich einigermaßen unfallfrei durch den Tag gekommen bin. Mit zwei Dutzend Blesuren und geringen Verlusten nur. Hätte meine gute Tochter mich nicht liebe- und verständnisvoll gehegt und gepflegt, ich wäre krepiert. Ich übertreibe nicht.

Drei Jahre Tod. Oder Scheintot. Das einzige was nicht tot war, war das Herz. Es schlug einfach weiter. Man sollte es loben. Ihm von Herzen danken.

Auch die botanische Natur ist im Winter nur scheintot. Das Herz schlägt weiter. Sehr verlangsamt. Aber es schlägt. Und eines Tages, es ist ein Wunder, wacht es auf und wird wieder munter. Es grünt aus allen Ritzen. Bäume und Sträucher entfalten eine Blütenpracht ohnegleichen. Die Sonne lacht. Und wärmt sogar ein wenig.

Auf dem Tennenbacher Platz, da, wo ich wohn, im Turm, im 4. Stock, wurden vor Jahrzehnten Bäume gepflanzt, die in 3 Stufen blühn. Erst rot, dann weiß, dann, wenn ich Glück hab, werd ich es sehn. Und im Herbst kommt es noch schlimmer. Da hat die Orgie ihren Höhepunkt. Wenn ich das noch erleben darf, zünd ich eine Kerze an, in der Konrad-Kirche. Und Zuhaus mach ich ein Fass auf. Versprochen.

(Im Vertrauen gesagt, ich feire jeden Tag. Als wenn´s der Letzte wär. Heisa.) H.A.

 

Antonio B.

Bilder: Antonio B.