
Während die Bundesregierung weiterhin wegsieht
Offene Fragen bei der North-Stream-2-Sprengung leicht erklärt
Endlich begann der Prozess gegen die ukrainischen mutmaßlichen (ausführenden) Täter, welche vor vier Jahren die 17 Milliarden Euro teure Gaspipeline Nord Stream sprengten – höchstwahrscheinlich mit der direkten Unterstützung durch Polen, nach Vorarbeit durch die USA und zur klammheimlichen Freude namhafter, „UnsererDemokratie™“ zuzurechnender Politiker aus Deutschland. Das Strafverfahren und seine Vorgeschichte ist nicht nur juristisch hier so kurz wie möglich und so lang wie nötig beschrieben.
Zwei Thesen beleuchtet
Heute soll an dieser Stelle nur auf zwei andere entscheidende Fragen respektive Thesen eingegangen werden. Erstens: Trifft die gebetsmühlenartige Behauptung zu, durch den Bezug von Energie aus Russland würden wir den „Krieg Putins finanzieren“? Und zweitens: Warum wurde von der Mehrheit der politischen Beobachter behauptet, der Terroranschlag könne unmöglich von einem ukrainischen Tauchteam ausgeübt worden sein, nur die US-Navy sei dazu in der Lage gewesen?
Geänderte Lage
Bereits im Mai 2022 ging der Verfasser dieser Zeilen der ersten Frage nach, inwieweit die vielen Milliarden Euro des trotzdem günstigen Russengases in die Kriegskasse Putins flossen, und machte hierzu eine ausführliche Rechnung auf. Darin kam ich zum Ergebnis, dass 0,74 Prozent unserer Gasrechnung dem Rüstungshaushalt Russlands zugute kamen. Doch die Parameter haben sich geändert: Der allgemeine Steuersatz auf Gewinne in Russland beträgt seit letztem Jahr 25 Prozent. Acht Prozent der Gewinnsteuer geht an den Föderationshaushalt, aus dem der Rüstungshaushalt finanziert wird. Gazprom gehört – wie einige andere russische Unternehmen – zur Hälfte dem Staat selbst. Deshalb ging in dieser Rechnung die Hälfte der Umsatzrendite von 13,4 Prozent (bezogen auf das Jahr 2025) voll an den Staat, von der andere Hälfte nur acht Prozent Steuer an den Staatshaushalt. Die Kriegsausgaben des russischen Staatshaushalts stiegen von 20 auf 44 Prozent.
Statt Geld für Gas noch mehr Geld für ein korruptes Regime
Summa summarum flössen somit für eine Gasrechnung von einer Milliarde Euro rund 31,8 Millionen Euro (also nur rund 3,2 Prozent) ans russische Militär – aber nur, wenn wir wenigstens noch die eine intakt gebliebene Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee nutzen würden. Den verbreiteten Eindruck zu erwecken, der Erlös für russische Gaslieferungen komme voll Putins Kriegskasse zugute, kann damit nur einem Zweck dienen: den Terroranschlag durch ukrainische Militärs auf unsere Gasversorgung zu rechtfertigen, um den Weg für weitere hundert Milliarden Steuern an Selenskyj zu ebnen. Der Schaden für uns ist durch immer weiter steigende Energiepreise mit Abstand größer als für Russland, das Gas und Öl auf dem Weltmarkt verkauft – von wo es Deutschland auf Umwegen trotzdem, aber eben sehr viel teurer erreicht.
Drohnen ja, Tauchen nein?
Nun zur zweiten Frage dieses Artikels (und an die Adresse jener, die der Ukraine zwar bestätigen, dass sie die Drohnentechnologie einerseits rasend schnell von einer hobbymäßigen Garagenproduktion zum weltweiten Marktführer entwickelte, andererseits diesem Land mit seinen fast tausend Kilometern Schwarzmeerküste in Sachen Taucherei nichts zutrauten). Von diesen „Privatgelehrten“ gibt es inzwischen zahlreiche; sogar im „Kontrafunk“ durfte letzte Woche jemand ein Interview zu einem Buch absondern, das von Dilettantismus nur so strotzte: So ein Anschlag könne nur mittels einer Taucherglocke ausgeübt werden, wurde da behauptet. Als ich dann noch Ausführungen über „Sauerstoffflaschen“ hörte, schaltete ich ab. Solche Leute haben keinen blassen Schimmer, was Trockentaucher mit Trimix-Flaschen oder noch spezielleren Gasgemischen leisten können; hier meine Expertise zu diesem Thema vom August 2024.
Technisch ohne weiteres machbar
Tatsächlich sehen solche Taucher fast aus wie Astronauten, auch wenn sie keine Helmtaucher sind. Nur noch so viel dazu: Eine Taucherglocke braucht es nur für sehr lange oder wiederholte Arbeiten im Tiefwasser. Die Dekompression von Tauchern wie im vorliegenden Fall kann auch im Freiwasser erfolgen – und tut es meist. Bei den Wracktauchgängen in bis zu 50 Meter Tiefe, an denen ich teilnahm, ließ unsere Gruppe beim Austauchen an einer Leine eine Signalboje hoch, und stieg langsam in bis zu einer Stunde in der Strömung auf. Dort wurden wir vom Tauchboot in bis zu einem Kilometer Entfernung vom Punkt des eigentlichen Tauchgangs aufgenommen, das mit uns in der Strömung trieb. Warum sollte das bei der Segeljacht „Andromeda“ im Fall des Nord-Stream-Anschlags nicht auch so abgelaufen sein? Was wir Sporttaucher tun, sollen Profis oder Militärtaucher nicht können?
Druckwelle im Wasser anders als an Land
Ich gehe auch noch kurz auf die Detailfrage ein, ob die Segeljacht so viel Sprengstoff transportieren konnte. Zur Info: Weil die Sprengkraft unter Wasser größer ist, brauchte es nicht so viel. Bei einer Sprengung über Wasser verpufft ein Großteil der Verformungsenergie in der Luft; aber Wasser ist rund 830 mal dichter als Luft. Das Wasser jenseits des zu sprengenden Gegenstands wirkt daher wie eine Art Wand, sodass die Sprengkraft auf das Objekt fast vollständig einwirkt. Für die Unterwasser-Pipeline brauchte es also weit weniger Sprengstoff als bei einer vergleichbaren Sprengung an der Oberfläche.
Offensichtliches benennen!
Im Grund dürfte es bei alledem klar sein, wer den Staatsterror gegen Nord Stream zu verantworten hat. Die einzige Frage, die bleibt: Ist dieser Anschlag gegen deutsch-russische zivile Infrastruktur als Kriegsakt zu rechtfertigen? Mein Autorenkollege Olli Garch kommt diesbezüglich zu dem Schluss, dass es immer mehr nach Landesverrat riecht – zumal das Berliner Tollhaus an einer Aufklärung und Verurteilung des Verbrechens anscheinend kein Interesse hat…
Beitragsbilder / Symbolbilder und Bilder oben: Frame Stock Footage / Shutterstock.com
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Albrecht Künstle · Freiburger Standard · 20. Oktober 2026
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