Von Jan Ackermeier

Am 9. Jänner 1794 erfolgt eine Eingabe deutscher Einwanderer im US-Bundesstaat Pennsylvania, dass Gesetzestexte auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht werden sollten. Diese Eingabe führt später zur Muhlenberg-Legende, wonach über das Deutsche als Landessprache im Bundesstaat Pennsylvania abgestimmt worden sein soll. Das Gesetz soll an einer einzigen Stimme gescheitert sein, nämlich am Widerspruch des Deutschamerikaners Muhlenberg. Die Muhlenbergs waren eine in der US-amerikanischen Politik sehr bekannte Familie deutscher Abstammung. Die Legende wurde daher mit der Person des Sprechers des Repräsentantenhauses Frederick Muhlenberg (1750–1801) verknüpft.

Unrichtig, aber weit verbreitet
Das Gerücht entstand um 1840 und fand durch Franz von Löhers 1847 veröffentlichtes Buch „Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika“ weite Verbreitung. Löher schildert darin, dass „bei einer Abstimmung, ob Deutsch die Amtssprache in Pennsylvanien werden solle, die Stimmen gleich gefallen seien. Der Sprecher des Landtags, ein Mühlenberg, habe durch seine Stimme den Ausschlag für das Englische gegeben. Er soll dazu erklärt haben: ‚Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser.‘“ Von Löher nennt keine Quellen für seine Geschichte.

Faktenlage anders
Die Fakten sind hingegen, dass deutsche Einwanderer aus Virginia am 9. Jänner 1794 eine Petition an das Repräsentantenhaus mit der Forderung richteten, eine Sammlung von Gesetzen und Verordnungen in die deutsche Sprache zu übersetzen, um es Deutschen, die kein Englisch sprachen, zu erleichtern, die Gesetze ihrer neuen Heimat zu verstehen. Die Petition wurde zunächst von einem Ausschuß des Repräsentantenhauses unterstützt, am 13. Jänner 1795 wurde ein Antrag, die Entscheidung dieser Frage zu vertagen, aber mit 42 zu 41 Stimmen abgelehnt. Der bilinguale Muhlenberg verweigerte die Unterstützung und nahm an der Abstimmung nicht teil.

Das Englische überwog
Zudem ist eine gesetzliche Regelung zu Amtssprachen in den USA erst in jüngerer Zeit in verschiedenen Bundesstaaten eingeführt worden, indem etliche Bundesstaaten Englisch als Amtssprache definiert haben. Die Vereinigten Staaten waren bekannterweise aus englischen Kolonien hervorgegangen. Gerichts- und Verwaltungssprache war damit von Anfang an Englisch. Deutsch und weitere Sprachen der verschiedenen Einwanderergruppen wurden im privaten und im kirchlich-öffentlichen Bereich häufig verwendet. Der Anteil der deutschsprachigen Einwanderer in den Vereinigten Staaten lag um 1830 bei einem Drittel in Pennsylvania und bei knapp neun Prozent in den gesamten USA. Es hat in den USA oder auch in einzelnen Bundesstaaten niemals eine Abstimmung über eine Amtssprache stattgefunden. Die Vereinigten Staaten haben bis heute keine Amtssprache eingeführt und sind weltweit eines der wenigen Länder ohne De-jure-Amtssprache (wobei als De-facto-Amtssprache Englisch fungiert).

Beitragsbild: Frederick Muhlenberg (Ölgemälde von Joseph Wright; 1790, Urheber unbekannt).

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