Elektrische Mobilität boomt. In Deutschland werden mittlerweile jährlich – auch infolge der Förderprämie – Millionen elektrische Kraftfahrzeuge gekauft. Anfang 2020 hat auch die Freiburger VAG ihre ersten beiden Elektrobusse in Betrieb genommen. Doch – ist tatsächlich alles wirklich so grün und schön wie es aussieht?

Auf der Linie 27 fahren seit Anfang 2020 zwischen dem Europaplatz und der nordöstlichsten Haltestelle des Stadtteils Herdern zwei Elektrobusse. Im Zuge der Erbauung und Neugestaltung der Straßenbahnerweiterung im Rotteckring wurde damals die Haltestelle „Siegesdenkmal“, der heutige „Europaplatz“, komplett neugestaltet. Zugleich plante man dabei zusätzlich eine Ladezapfstelle für die beiden ersten E-Busse der VAG mit ein, damit diese neue “Flotte” auf dieser Strecke im Fahrgastbetrieb getestet werden kann.

Der praktische Betrieb sieht so aus, dass die beiden Busse täglich im Zwei-Umlauf-Prinzip  die komplette Linie 27 übernehmen. Nach jedem zweiten Umlauf wird der E-Bus wieder für ca. 10 Minuten mit Strom betankt. Gemäß meiner eigenen häufigen Sichtung wird in den meisten Fällen nur einer der beiden Umläufe mit einem E-Bus bedient, öfters werden sogar beide Umläufe mit Verbrennern gefahren. – Ein Hinweis auf mangelnde Zuverlässigkeit?

Infokasten:

Die eingesetzten Busse sind Solobusse des Typs „Urbino 18 eletric und Urbino 12“ des Herstellers Solaris mit Sitz in Polen. Diese sind auch gemäß des „Greenwashing“ in der Öffentlichkeit grün lackiert.  Einige Zeit nach dem Einsatz der beiden E-Busse auf der Linie 27 bestellte die VAG noch 15 weitere Elektrobusse des Typs „Urbino 18 eletric und Urbino 12“ von Solaris, davon 10 Gelenk- und 5 Solobusse. Der Einsatz dieser Busse im Linienverkehr ist in den nächsten Wochen und Monaten geplant, gemäß eigener Sichtungen finden nahezu täglich Testfahrten statt.

Damit diese alle geladen werden können, wurden auf dem Betriebshof der VAG einige zusätzliche Ladesäulen gebaut. Außerdem werden an vier weiteren großen Haltestellen Ladezapfpunkte errichtet. – An der Haltestelle Paduaallee ist der Ladezapfpunkt bereits installiert.

Es gibt allerdings einige sehr schwerwiegende Nachteile am System:

Erstens:

Die miserable ökologische Bilanz für die Rohstofflieferanten (und damit insgesamt): Die Batterie eines Elektrobusses benötigt die Rohstoffe Lithium und Kobalt.

Lithium kann man entweder durch den Abbau von Erzen (Australien) gewinnen und braucht für das Zerkleinern und Mahlen des Erzes viel Energie.

Oder man pumpt Salzwasser aus unterirdischen Seen an die Oberfläche, lässt dies verdunsten und extrahiert dann das Lithium (Chile, Argentinien, Bolivien). Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, sterben Pflanzen ab, Flamingos sind vom Aussterben bedroht, die Viehzucht wird gefährdet und Bäume vertrocknen. Vgl.

Kobalt ist ein Erz, welches in Verbindung mit Wasser und Sauerstoff Schwefelsäure bildet. Dabei kann das Grubenwasser sauer werden und Flüsse, Seen und Grundwasser vergiften. Hinzu kommen einsturzgefährdete Minen, Kinderarbeit, schlechte Bezahlung, fehlende Schutzausrüstung mit der Folge von Staublungen und frühem Tod der Arbeiter im Kongo. Vgl. hier  und hier.

Zweitens:

Die Brandgefahr.  Sie ist ein akutes, noch nicht gelöstes Problem, denn ein brennender E-Bus kann nur mit spezifischen und teuren Löschmethoden gelöscht werden. Sind diese gerade nicht verfügbar, kommt es zu einem Großbrand.

So geschehen bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) am 30.September 2021. Zwei Elektrobusse im Depot gerieten während eines Ladevorganges in Brand.  Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Depot 85 Busse. 60 der Busse konnten dank maximaler Kraftanstrengung der SSB rechtzeitig evakuiert werden, 25 Busse, darunter zwei seltene und wertvolle Oldtimer aus 60er- und 80er-Jahren brannten vollständig ab! Siehe hier.

Drittens:

Die Kosten und Folgekosten sind sehr viel höher als bei herkömmlichen Dieselbussen. Besonders teuer ist der Akkuwechsel, aber auch durchschnittliche Wartungs- und Servicekosten sind bereits in den ersten drei Monaten doppelt so hoch, Versicherungen sind um 10% teurer. Ständige Software-Aktualisierungen reduzieren die Batteriekapazität und damit die Reichweite. Vgl. Ohne die Förderprämien von Bund und Land wäre der Elektrobus nicht finanzierbar.

Nicht zu unterschätzen ist die abnehmende Energieaufnahmefähigkeit der Batterie schon nach wenigen hundert Ladezyklen. Bei einer momentanen Reichweite von 300 Kilometern ergeben sich bis zu einer Fahrleistung von 150.000 Kilometern 500 Ladezyklen. Es macht keinen Sinn, selten anzutreffende Reichweitenrekorde als Berechnungsgrundlage zu verwenden –  schließlich ist das halbe Jahr Winter, in dem die Reichweite durch mehrere Einflussfaktoren massiv abnimmt. Bei Werbetreibenden liest man dann von 2000 möglichen Ladezyklen, bei erfahrenen E-Mobilisten von ca. 300 bis 400 Ladezyklen, nach denen die Batteriekapazität signifikant einbricht.

Viertens:

Wenn dazu auch noch die letzten AKWs abgeschaltet werden und der Strom knapper wird, ist es nicht sehr intelligent, weitere Verkehrsmittel auf Strom umzustellen. Kluges planerisches Handeln eines Verkehrsunternehmens behält daher immer noch eine ansehnliche Flotte an Verbrennern, um zumindest einen Notbetrieb für Blackout-Zeiten aufrechterhalten zu können.

Fünftens:

Zwar tanken Elektrobusse und –autos häufig nicht nur „Ökostrom“, sondern oft einen Strommix aus Kohlestrom und Atomstrom. Doch Freiburg ist hier  tatsächlich eine Ausnahme: hier wird 100% „Ökostrom“ getankt.

Zu diesem fünften Punkt muss man noch zwei weitere positive Bilanzen hinzufügen:

  • Dank des ruhigen und linearen Antriebes hat der Elektrobus so gut wie keine Vibrationen, was die Lebensdauer der Karosserie im Gegensatz zu der eines Verbrenners deutlich verlängert.
  • Der Elektrobus beeinträchtigt nicht die Luftqualität in den Städten.

Mein persönliches Fazit:

Wenn die Politik die Elektrifizierung an allen Stellen des Lebens möchte (Rasenmäher, Wäschetrockner etc.), warum setzt Freiburg dann erst so spät bei den Massentransportmitteln auf diese Technologie? Hierfür gibt es für mich zwei Erklärungsmuster:

  • Man hat so lange gewartet, bis es Subventionen gab.
  • Man traut der Technik eben doch nicht so, wie es in der Öffentlichkeit erscheint.

 

jb, m_

Bild: jb