Tja, jetzt ist er weg. Wir hatten Melnyks Abberufung ja schon vor einigen Wochen vorhergesagt (link).

Und jetzt werden auf einmal Krokodilstränen vergossen. Gerade die SPD war es, die seine Signale nie verstanden hat. All seine Unverschämtheiten übertönten für so manchen Regierungspolitiker den eigentlichen Inhalt.

Man kann sich seine Gesprächspartner nun mal nicht immer aussuchen. Wenn es aber Gesprächsbedarf gibt, muss man mit der Sprache des Gegenüber irgendwie umgehen können. Bei Fremdsprachen engagiert man ja üblicherweise auch einen Dolmetscher. Und dass Melnyks Gedanken mit einer Ausnahme aus seiner Sicht Hand und Fuß hatten, kann ihm niemand absprechen – nur eben der Tonfall…

Daher hassten viele Deutsche den Diplomaten. Waren es immer nur ungebührliche Provokationen oder vielleicht doch ein willkommener Kontrast zur Laviererei des Bundeskanzlers?

Der undiplomatische Diplomat

Als Botschafter eines Landes, das um sein Überleben kämpft, hatte er gar keine andere Wahl. Sein Gegenüber war ja lange an Bräsigkeit und Zauderei nicht zu überbieten.

Daher haben die Deutschen einerseits Grund, ihm dankbar zu sein. Schließlich hat er die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik und über Umwege auch die NATO aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt.

Andererseits, und da ist sich Deutschland wie immer treu geblieben, wurde dann wie wild nach dem immer gleichen Instinkt gehandelt. Es wurden Entscheidungen getroffen, die ausschließlich anderen nützen und das eigene Volk zum Zahlmeister machen. Aber da trifft Melnyk keine Schuld. Das hätte die deutsche Regierung auch zielgerichtet mit einem kreidefressenden Gesprächspartner hinbekommen. Nur vielleicht etwas zeitverzögert.

Sein Pferdefuß

Mit seinem konstant dreisten Auftreten und der Rechtfertigung des Nazikollaborateurs und Judenfeindes Bandera hat er den ukrainisch-deutschen Beziehungen aber auch geschadet. Dies war dann wohl zu viel und die Verstimmungen zwangen Kiew zu handeln.

Neue ukrainische Außenpolitik?

Nun soll es einen Neuanfang geben. Auffällig ist, dass auch die Botschafter Norwegens, Ungarns, Indiens und Tschechiens ausgetauscht werden. Das riecht nach einer Neuausrichtung der ukrainischen Außenpolitik. Im, wie es scheint, andauernden Zustand des Krieges kann Kiew es sich nicht mehr leisten, mit ungehobeltem Verhalten seines diplomatischen Personals die internationale Unterstützung zu riskieren.

Die Ukraine wird in Deutschland in den nächsten Monaten eine starke Stimme brauchen. Wenn die Inflation und die Energiekrise weiter anziehen, wird es für die deutsche Regierung immer schwieriger werden, in der Öffentlichkeit die Notwendigkeit der Sanktionen gegen Russland zu verteidigen.

So warnt Habeck bereits jetzt davor, dass die Solidarität in der Bevölkerung vor einer Zerreißprobe steht.

Das sehe ich anders. Natürlich werden wir uns untereinander helfen. Das tun die Deutschen immer – wenn man sie denn lässt. Und nicht, wie im Ahrtal vor einem Jahr geschehen, wegen falschen Parteibüchern wieder wegschickt.

Solidarität – mit wem?

Ich denke, es ist eher an der Zeit, die Solidarität des deutschen Volkes mit seiner unfähigen und gegen das eigene Volk agierenden Regierung in Frage zu stellen.

Wenn selbst der europäische Regierungsapparat mal cleverer ist als der deutsche, sollten überall die Alarmglocken schwingen. Hatte doch das europäische Parlament letzte Woche den Vorschlag der Kommission, dass Atomenergie und Gas empfehlenswerte Zukunftsinvestitionen sind, durchgewunken. Naja Gas – man wird sehen. Aber dass die Atomdebatte so schnell und so heftig von verschiedensten Seiten wieder in den richtigen Zusammenhang gestellt wird, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Ich schweife ab.

Andrij Melnyk – Sie werden uns fehlen!

mb

 

Beitragsbild: von Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung unter der Lizenz CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de) via wikimedia commons