Wir kommen nicht mehr um eine Positionierung herum.

Worin gleichen sich Kuba und Deutschland? Sehr bald im Durchschnittsalter des Fahrzeugbestandes.

Ich habe drei Kinder, davon zwei Söhne im kraftstrotzenden Alter. Bisher haben zumindest bei diesen beiden die Meinungsmacher und Marketingstrategen vollkommen versagt. Schämt Euch!

Warum? Sie lieben Autos. Je älter und stinkender – umso besser.

Der Große, gerade 18 geworden und stolzer Führerscheinbesitzer (wieso darf das noch so heißen?) will sich einen alten Mercedes kaufen. Er hat genug gespart, es fehlen nur noch ein paar Kröten für den Unterhalt. Oma & Opa müssen jetzt mal ihre Schatullen öffnen.

Als ich aufwuchs, hat man diese Gefährte, für die er sich interessiert (konkret W 123 oder zur Not W 124 – am liebsten 5 Zylinder Saugdiesel) gerade entsorgt und fand die unheimlich öde.

Mittlerweile bin ich auch vom Fieber gepackt und freue mich riesig, wenn unser Exemplar gefunden und da ist.

In meiner Jugend hat man sich nicht für alte Autos interessiert. Oldtimer ja, aber nicht so runtergeranzte Dinger. Damals war ein Oldtimer auch noch ein echter Oldtimer, so mit Holzlenkrad und Lederriemen an der Motorhaube. Heute bekommen Autos ein H-Kennzeichen, die doch gerade erst vom Band liefen. Unfassbar.

Speerspitzen des deutschen Automobilbaus

Unser Interesse galt damals den Speerspitzen des deutschen Automobilingenieurtums. BMW 850i, Mercedes 500 SL (R129), Porsche 928. Als der Panzermercedes, die W140-S-Klasse, rauskam, war ich verloren. Und tatsächlich – ein besseres Auto gibt es bis heute nicht.

Ich bin seinerzeit oft zur 15km entfernten Mercedes-Niederlassung mit dem Fahrrad gefahren, nur um mich in die Autos zu setzen. Die Prospekte konnte ich auswendig. Der Airbag kostete 4.608,20 DM Aufpreis. Pro Seite und zzgl. MwSt. versteht sich – das weiß ich noch heute. Am besten fand ich immer die Beschreibung in den Mercedes-Prospekten, in denen bei jedem Goodie auf Wunsch stand. Nein, für Geld hätte es heißen müssen – aber egal.

Nun wissen wir alle, dass Mercedes ein kleines Problem hat: Rost. Man spricht bei der Farbgebung der Autos auch gern von Mercedesbraun oder noch besser: Edelrost stahlfrei.

Dagegen ist die Technik bei Autos bis ca. 1993 für die Ewigkeit gut. Schweißen lohnt sich also. Im Mercedes-Museum steht ein Taxi mit 4,6 Millionen Kilometer Laufleistung – ein Strich8 aus dem Besten Jahrgang: 1976.

Elektro

Es gibt einen amerikanischen Visionär, wir kennen ihn alle, der seit mehr als einem Jahrzehnt speziell die deutsche Automobilindustrie am Nasenring durch die Manege zieht. Er hat, ähnlich wie Apple seinerzeit beim ersten iPhone, erkannt, wonach der Markt sucht. Nach einem Erlebnis.

Spaltmaße sind was für Spießer und Piëch-Jünger und Ausstattungslisten was für Buchhalter, die doch nichts ankreuzen dürfen. Bei seinen Autos ist (fast) alles serienmäßig. Und er hat erkannt, dass große Elektromotoren kaum teurer sind als kleine. Also beschleunigt selbst sein kleinstes und schwächstes Auto deutlich unter 6 Sekunden auf 100 km/h. Interessant ist dabei, dass selbst das größte Modell, der Model X im Schnitt nicht mehr als ca. 28 kWh verbraucht. Wie war das? 1 kW = 1,36 PS. Man nutzt also im Schnitt 38 der vorhandenen 1.020 (!) PS zum Fahren.

Mit den verbauten Akkus kommt man dann ca. 400 km weit. Weiter sollte man am Stück sowieso nie fahren. Und Vertreter, die am Tag auch mal 1.200 km abreiten, müssen halt noch warten. Warum denn auch nicht? Die Technik in diesem Bereich ist wirklich extrem schnell vorangekommen. Ich denke 800 km Reichweite für einen Mittelklassewagen sind in den nächsten 5 Jahren drin.

Nun hat die deutsche Automobilindustrie wirklich aktiv geschlafen. Den SUV-Boom kräftig bespielend und abkassierend, hat man alles andere stehen und liegen lassen.

VW bei den Pennern vorn dabei

Von VW ist man gewohnt, dass sie spät mit etwas kommen – aber dann kommen sie. Man denke nur an die verschiedenen Monobox-Designs, die Renault in den 90ern gebracht hat und die extrem erfolgreich waren. Twingo, Scenic und Espace. Als VW dann endlich den Touran und Sharan brachten, war es für Renault vorbei – eiskalt von VW überholt.

Diese Chance haben sie aber mit den neuen Elektromodellen ID3, ID4 und ID5 mit den diversen Zusatzbuchstaben vollkommen vergeigt. Instabile Software und komplett versagendes Design sowohl im In- als auch im Exterieur. Katastrophal. Die Entwicklungskosten werden sich mit diesen Modellen nie und nimmer einspielen. Warum müssen deutsche Elektroautos durch die Bank alle so hässlich sein?

Ausnahme Porsche. Der Taycan ziert das Marktsegment zweifelsohne. Aber jetzt kommt’s: Porsche ging davon aus, dass es ein cleverer Schachzug wäre, in historischer Verbindung zu seinen legendären turbo-Modellen den Taycan in einer Modellvariante mit dem berühmten turbo-Schriftzug zu versehen.

Turbo: Eine Turbine, die vom Abgasstrang eines Verbrenners angetrieben auf der gegenüberliegenden Einlasseite die Luft vorverdichtet und somit für mehr Leistung sorgt.

Porsche: einfach nur peinlich!

Ja und jetzt – was hat das alles hier im Freiburger Standard zu suchen?

Unsere Gesellschaft steuert auf bedenkliche Entwicklungen im Automobilsektor zu. Die Sinnfrage mit unserer prekären Stromdebatte können wir hier sogar mal weglassen.

Ich kann niemandem raten, momentan ein Elektroauto zu kaufen. In drei oder vier Jahren, wenn sie wieder ein Neues wollen, oder es wieder abgeben müssen und, wie fast alle Privatleaser es aus dem Vertrag heraus kaufen (müssen) – weil zu viele Macken – ist das Auto wertlos. In drei Jahren entwickelt sich diese Technik so schnell weiter, dass Ihnen niemand einen VW ID3 für dann noch 28.000 Euro abkaufen wird. Da least man lieber einen Neuen für 159 Euro im Monat – inklusive aller Servicekosten.

besitzlose Gesellschaft

Und das ist der Punkt. Über die neuen Technologien sollen Sie vom Besitz entfernt werden. Fahrradmiete, Rollermiete, Autoleasing, im Wohnsektor sowieso. Sie sollen Musik streamen und nicht Schallplatten kaufen, um diese dann zu besitzen. Sie sollen überall mit Karte bezahlen und nicht unterm Kopfkissen Geldscheine horten.

Zum Thema Leasing eine kleine Randbemerkung. Mein Chef gönnt sich gerne ein etwas ausgefalleneres Automobil. Das sei ihm auch wirklich gegönnt. Seinerzeit hatte er einen Wagen geleast, der laut Preisliste 140.000 Euro kostet. Er hatte dann ein 3-Jahres-Leasing für 1.000 Euro im Monat abgeschlossen. Am Ende (nach 36.000 Euro Kosten) den Wagen stressfrei zurückgegeben – einen neuen geleast und später bei dessen erstem Service seinen alten auf dem Gebrauchtwagenhof gesehen für – ACHTUNG: 68.000 Euro. Wer kann hier nicht rechnen?

Kalkül

Das ist kein Rechenfehler sondern Kalkül. Mit der ganzen Besitzlosigkeit entfernt sich der Verbraucher von echter Werthaltigkeit. Was etwas tatsächlich kostet, ändert sich quasi minütlich und hängt in keiner Weise mit dem Gegenwert des Produktes zusammen – siehe auch die viertelstündlich wechselnden Preise an der Tankstelle. Es ist derselbe Most aus demselben Tank vom selben Tanklaster, der gestern nachgefüllt hat.

als Privater betriebswirtschaftlich denken – nicht volkswirtschaftlich

So kann ich meinem Sohn nur beipflichten, einen alten Mercedes zu kaufen und sich aus den aktuellen Entwicklungen auszuklinken. Aber das ist natürlich kein volkswirtschaftlicher Ansatz. Das funktioniert en gros nicht.

Um die deutsche Automobilindustrie brauchen Sie sich aber bei der nächsten Anschaffung trotzdem nicht zu sorgen. Sie tragen keine Schuld. Oder anders formuliert: an deren definitiven Niedergang werden Sie mit Ihrer individuellen Entscheidung nichts ändern. Entweder die deutschen Hersteller gehen unter wegen weiterem Verpennen von Markentwicklungen oder weil ihnen die grünen Khmer die Gurgel zudrücken.

Dies ist auch keine Spekulation sondern findet bereits statt. Der nette Herr aus Amerika hat in Grünheide ein Werk für seine Elektroautos gebaut und Ford gab am 22.06. bekannt, sein Werk in Saarlouis zu schließen.

Interessante Beobachtung heute morgen: Auf dem Mitarbeiterparkplatz der Solarfabrik in Freiburg in der Munzinger Straße sehe ich immer einen alten Mercedes 190er. Ich könnte es fotografieren, will aber niemanden desavouieren. Glaubt da etwa selbst jemand, der am Mittelpunkt der Energiewende arbeitet, nicht so recht an die grüne Erzählung?

Tempolimit besprechen wir ein andermal. Nur so viel: ich bin bedingungslos dafür.

mb

Bild von Igor2008 auf Pixabay und Bram Van Oost auf Unsplash – bearbeitet mb