Bei der Lektüre des 1. Teils meiner Freundschaften-Serie könnte der Eindruck entstehen, da schreibt ein verbitterter, enttäuschter und immer einsamer werdender alter Mann. Richtig ist dabei lediglich das Älterwerden. Aber selbst das führt bei mir keineswegs zur Verbitterung, sondern ganz im Gegenteil, zur immer weiter wachsenden Freiheit und Unbekümmertheit.

Eines Tages wird mir alles so leicht sein, dass ich mit einem lauen Frühlingslüftchen einfach entschwebe. An mich erinnern werden dann nur noch meine zurückgebliebenen VERZETTELTEN WERKE. Diese werde ich m_ hinterlassen, meiner geliebten und verehrten Chef-Redakteurin.

Alles andere stimmt also nicht. Ent-täuscht ist zwar richtig, aber nicht im Sinn von enttäuscht sein. Sondern, wieder eine Täuschung weniger. Gott sei Dank.

Auch von Einsamkeit kann keine Rede sein. Gestern z.B., als ich Freund Miguel* hab verloren, keine Stunde später schon hatte ich zwei neue, viel bessere Freunde gefunden. Geradezu märchenhaft. Ein Dutzend Fotos werden es beweisen. Und das Neue-Freunde-braucht-das-Land-Fest ist schon beschlossen: Es ist Freitag, der 27. Mai, da wird sie, Gabriele, die ältere Schwester von Hans, runde 70. Da werd ich singen, vor ihrem Fenster, im dritten Stock. Gott geb mir eine Leiter. Hinaufklettern kann ich alleene. Vielleicht hat der Hans ooch eene, dann können wir den lieben Gott in Ruhe lassen.

Soviel zum Irrtum von wegen Einsamkeit. Die neuen Freundschaften wachsen im Quadrat zur abnehmenden Entfernung. Das ist der 11. Lehrsatz in der von mir gegründeten Freundschafts-Philosophen-Schule. (Natascha hat schon recht, wenn sie sagt, die Deutschen müssen aus jedem Furz eine Schule machen. Drum nehm ich Schule zurück und sage: KIRCHE. Ich glaub, das klingt besser. Vielleicht führt das dann dazu, dass Kirchen wieder einen besseren Ruf bekommen. Die Geistlichen haben ihn in den letzten 20 Jahren ja so gut wie vollständig ruiniert. Kirchen sind für mich eigentlich nur noch wegen ihrer Akustik da, und wegen der Schönheit. Spiritualität und geistige Erhebung sind perdü. Für alle Ewigkeit? Schaun wir mal.)

Nun will ich versuchen, in der gebotenen Kürze, meine ENT-TÄUSCHUNG, gestern, zu beschreiben. Dass Miguel vom 10. bis zum 18. Lebensjahr Hochleistungssport getrieben hat, jeden Tag, während bei mir reges geistiges Leben erwachte, lediglich ein wenig behindert von dem Geistlosen, animalischen in der Hose, habe ich, glaube ich, schon einmal irgendwo beschrieben. Das wär nicht weiter schlimm, weil im Prinzip man das später noch nachholen kann.

Aber leider hat bei Miguel da eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die ihn fortan, 36 Jahre lang, voll und ganz in Beschlag nahm. 36 Jahre Leidensweg, von Schmerzen gepeinigt. Was er in dieser Zeit alles hat unternommen, um die Schmerzen, die Kobolde, wie ich sie nenne, loszuwerden, könnte locker ein mitteldickes Buch füllen. Zu wieviel Heilkundigen er ist gegangen, nachdem die Schulmedizin ihn für unheilbar erklärte, er sagt, man könnte mit den Honoraren ein Einfamilienhaus bauen.

Inzwischen ist aus einem gutaussehenden Hochleistungssportler ein gebrochener, altersschwacher Mann geworden. Körperlich.
Zu nichts mehr fähig, als gerade noch das notwendigste, und auch dies schon so, dass eine Einweisung in eine Pflegestation notwendig erscheint.

Geistig indes ist er noch voll intakt. Und das, so zeigte es sich in den drei ersten Sitzungen bei Frau S., in der Praxis für alternative Heilweisen, in die ich ihn mit einer List geführt hatte, ist das eigentliche Problem. Sein Geist. Wenn man ihn vorübergehend ausschalten könnte, wäre er nach der 3. Sitzung, spätestens nach der 6., bereits geheilt.

Was habe ich das verflucht, in der Zeit meiner Großen Depression, dass sich mein Geist, mein ruheloser, verfluchter, nicht abschalten ließ. Bei Tag und auch bei Nacht nicht. Keine Stunde. Nicht einmal eine Sekunde. Wäre ich körperlich dazu imstande gewesen, ich hätte mit einem großen Hammer mir eins auf den Deets gegeben.

Zu meinem Glück hatte die Demenz meinen Geist auf 10 % reduziert, sodass ich zu Diskussionen, wie sie nun die gute Susanne mit ihm führte, überhaupt nicht wäre imstande gewesen. Drum ging ich damals auch nicht zu ihr hin, obwohl ich einen wunderbaren Behandlungsgutschein in der Tasche hatte, für eine Behandlung, geschenkt von dem besten aller Freunde, dem guten K.

Meine List war, dem Miguel diesen Gutschein zu schenken, sodass er nicht zu den bereits vergeudeten 100 Tausend Euro für unheilvolle Therapeuten, noch einmal 60 Euro dazulegen musste. Das hätte er nämlich nicht verwunden. Er hatte von allen Heilern, Ärzten und Anstalten die Nase gestrichen voll.

Und siehe da, die erste Stunde, die mit Vor- und Nachsitzung drei Stunden dauerte, war die 60 Euro wert. Es ging ihm tagelang deutlich besser. Seine Schwester und ein anderer Freund, sie sprachen sogar von einem Wunder. So gut wie er plötzlich drauf war.

Als ich von dem Wunder Freund K. berichtete, dem edlen Spender des wandernden Gutscheins – ich hatte ihn zwischenzeitlich auch an meine Liebste und an meinen Sohn gegeben, beide beklagten unterschiedliche Wehwehchen, haben aber die Annahme verweigert bzw. nach kurzer Zeit wieder zurückgegeben – freute der sich riesig, dass er mit seiner Schenkung, ursprünglich ja an mich, und meiner Weiterverschenkung an Miguel, soviel heilend Gutes bewirkt hat. Man könnte sagen, es war ein multiples Bumerang-Geschenk. Eigentlich gar nicht so dumm.

Die ersten zwei Behandlungen habe ich von A – Z gänzlich miterlebt. D.h. die Vor- und Nachgespräche und die eigentliche Behandlung mit dem 150 mHz Schwingungsbefeldungs-Gerät (nach Dieter Broers).
Ich zitiere jetzt aus dem Flyer von Frau S.:

Sanft und dennoch kraftvoll umhüllt Sie ein schwaches elektromagnetisches Schwingungsfeld. Es berührt Ihre Seele und dringt bis tief in Ihre Zellen ein. Ihr Sein wird so vom Körper bis in ihre feinsten Schwingungsebenen hinein motiviert, sein volles Potential wieder zu entfalten.
Ganzheitliche Regulation, Regeneration und Heilung folgen dann ganz „Vom Selbst“.

Also: Regulation statt Manipulation.
Die dritte habe ich ihn alleine machen lassen. Bei der 4. war ich wieder zugegen. Dabei fiel mir auf, dass sich alles früher schon Gesagte, zum dritten Mal wiederholte, wie bei einer Schallplatte, die hängengeblieben:
Die Tante hatte schon bei der Geburt gesagt: Das Kind braucht ganz viel Liebe! … Ich muss mich abgrenzen … Leb wie ein alter Mann … entspricht aber nicht meinem Naturell … war fast 3 Jahre in der Psycho-Somatischen Klinik … das Spannungsfeld ist nicht erklärbar …. Schmerztherapie … Halswirbelsäule … Trauma …

Bei der 2. Behandlung fast noch einmal dasselbe. Dazu kam die Hoffnung auf die Insel La Palma, seiner Trauminsel. Dort hätte er leben können. Hat’s aber vergeigt. Der Onkel war gestorben.

Den Worten von Frau S. hat er scheinbar stets aufmerksam gelauscht. Sie nie unterbrochen. Oder widersprochen. Ging aber auch nie darauf ein. Das machte mich langsam stutzig. Auch in Gesprächen zwischen den Behandlungen, die wir miteinander führten. Er wiederholte immer nur, was andere meinten. Dieser Heiler und jene Heilerin. Sein Kopf war übervoll an Informationen, die er längst nicht mehr verarbeiten konnte.

An dieser Stelle erinnerte ich mich wieder an den Ausgangspunkt. An seine Zeit vom 10. bis zum 18. Lebensjahr. Es ist ja nicht so, dass wenn man sich nicht um Politik oder Philosophie schert, diese an einem vorbeirauschen, ohne Spuren zu hinterlassen. Ganz im Gegenteil. Jeder, der von sich sagt, Politik interessiere ihn nicht, kann sicher sein, dass er genau die Politik und die Philosophie, die dem jeweiligen Zeitgeist innewohnt, inhaliert. Und zwar zu genau 100 Prozent. Unwillkürlich und unbewusst.

Das Eindringen in den Geist kann nur durch aktives politisches und philosophisches Denken kontrolliert und ggf. verhindert werden. Das ist so brutal und fatal, dass nicht einmal ich, der seit den 50 er Jahren bewusst denkt und mit 18, als Miguel geistig noch eine taube Nuss, ein unbewusstes, aber vom Zeitgeist vollständig beschriebenes Blatt war, dass ich mich damals bereits intensiv mit den geistigen Größen der damaligen Zeit, mit Camus und Sartre z.B., also der Philosophie des Absurden –
man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Absurd, nicht wahr? –
aber auch den Romanen von Dostojewski, Balzac und einigen mehr beschäftigt hatte. Nicht in der Schule, nicht in der Uni, einfach auf der Straße. Ich war frei und ungebunden. Das Leben war wunderbar.

Miguel, ohne alles dies, geriet in esoterische Heiler-Kreise. Trat Gebets- und Schüttelgruppen bei. Lief von Pontius bis Pilatus, flog nach La Palma und nach Bali, und stopfte sein armes Gehirn mit abertausend guten Ratschlägen und Weisheiten voll. Seine hohe Intelligenz verhalf ihm, sie alle im Kopf zu behalten. Man muss nur auf einen Knopf drücken, dann kommen sie herausgesprudelt. Zeitgeistgeschwurbel, auf respektablem Niveau.

Ich weiß, jetzt habe ich mich mit all seinen linken, frommen, esoterischen Freunden und Beratern angelegt. Diesen Zeitgeistidioten. Ja, jetzt wird es ernst.
Eigentlich ist alles, was ich hier bespreche, ein Fall für die Psychiatrie. Die Philosophie hat die Waffen niedergelegt. Es lebe die Soziologie. Die allseits beliebte Schwafelwissenschaft. Hoch geschätzt besonders von jungen Damen. Dass man das als Wissenschaft bezeichnet ist eine Beleidigung und Verleumdung.

Aber zurück zu Miguel und seiner 4. Behandlung. Ich lese in meinen Notizen: Ich schaff es nicht ! … Der leere Akku war ein Symbol für meine Befindlichkeit. … Ich genieß es jetzt, dass ich einen Raum hab. … Es gibt keinen Raum, in dem ich leben möchte. Nicht einmal in der schönen Wohnung meines Vaters. … Ich glaub, ich brauch eine Lebensgemeinschaft wie Ashram auf Bali. Aber ich komm da als Ungeimpfter nicht mehr rein.

Meine erstaunte Nachfrage, warum denn das, wurde mit einem Achselzucken und verlegenem Lachen beantwortet. Ashram und die staatliche Obrigkeit unter einer Decke?!? – Ich lach mich schlapp. Und keinem von diesen Vollidioten fällt etwas auf. Alles ist auf den Kopf gestellt und keinem fällt das auf.

Dass in so einer Situation das arme Gehirn eines Linken-Grünen-Violetten Vollidioten nur noch Aua schreien kann, und: holt mich hier raus, aus dem Irren-Haus, kann ich inzwischen völlig verstehen.

Armer irreparabler Miguel. Wie wird es mit Dir nun weitergehn? Ich für meinen Teil, ich gebe es auf. Kaputte linke Socken sind unreparierbar. Ich glaube auch nicht, dass er weitermachen wird bei Frau S.

Er versteht nur Bahnhof. Er wiederholte oft, er müsse Grenzen setzen. Das haben ihm sicher seine Gebetsbrüder geraten. Eigentlich komisch, wo die Globalsozialisten doch für die Grenzenlosigkeit sind. Immer her mit den Flüchtlingen der südlichen Hemisphäre. Ihr Unglückseligen und Beladenen, kommet zu uns. Wir werden eure Wunden heilen und euch auch speisen. Das Elend hat für euch ein End.

Das erinnert mich daran, dass auch meine Schreiberei mal enden muss. Ich geh jetzt spazieren. Werd die Blumen beschnuppern. Wie ein Hund. Dann das linke Bein anheben, oder, je nachdem, vielleicht auch das Rechte.
Das Leben ist schön.
In Ewigkeit
A.

*Name von der Redaktion geändert

 

Antonio B.

Bilder: Frau S. Grünes Trio (Bild 1) Dschungelkönigin (Bild 2), Freundschaft (Bild 3), Tanz der Waldfeen (Bild 4)