Von Jan Ackermeier
Am 24. Juni 1374 wird aus Aachen ein ungewöhnliches und beunruhigendes Phänomen berichtet: Menschen beginnen plötzlich und scheinbar grundlos zu tanzen. Sie bewegen sich in Gruppen durch die Straßen, springen, drehen sich, schreien und stöhnen – ohne den Tanz stoppen zu können. Zeitgenössische Berichte schildern, wie Betroffene erst dann zusammenbrechen, wenn sie völlig erschöpft sind, manche mit Verletzungen oder Bewußtseinsstörungen. Die Bevölkerung spricht bald von einer „Tanzwut“ oder „Tanzkrankheit“. Was zunächst wie ein lokaler Vorfall wirkt, breitet sich rasch entlang des Rheins und in andere Regionen aus. Ähnliche Erscheinungen werden später aus anderen Städten berichtet. Die Menschen jener Zeit versuchen, das Geschehen mit ihren damaligen Vorstellungen zu deuten: Einige sprechen von göttlicher Strafe, andere von dämonischer Besessenheit. Es werden Prozessionen abgehalten, Reliquien gezeigt und Messen gelesen, um die „kranken Tänzer“ zu beruhigen oder zu heilen. Manchmal werden die Betroffenen in Kirchen geführt, wo sie vor Altären weiter tanzen, bis sie schließlich zusammenbrechen.
Frühes Beispiel einer Massenpsychos?
Aus heutiger Sicht wird die Tanzwut von Aachen oft als frühes Beispiel einer Massenpsychose oder einer kollektiven psychosomatischen Störung gesehen. Hungersnöte, Kriege, Seuchen und religiöse Spannungen prägten das Leben im Spätmittelalter und erzeugten einen hohen psychischen Druck. In einer solchen Situation können sich Ängste, innere Spannungen und soziale Konflikte auf spektakuläre Weise entladen – etwa in Form von unkontrollierbaren Bewegungen und gemeinschaftlichen Trancezuständen. Auch toxikologische Erklärungen, etwa Vergiftungen durch Mutterkorn im Getreide, sind diskutiert worden, konnten aber nicht abschließend belegt werden. Die „Tanzwut“ von Aachen erinnert daran, wie eng Körper, Psyche und gesellschaftliche Umstände miteinander verknüpft sind. Ein Ereignis, das die Menschen 1374 als rätselhaft und unheimlich erlebten, wird heute als Spiegel ihrer Zeit verstanden: Als Ausdruck von Angst und Überforderung – und zugleich als frühe, gut dokumentierte Episode kollektiven Ausnahmeverhaltens in der europäischen Geschichte.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: „Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck“, Kupferstich von Hendrik Hondius nach einer Zeichnung von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahre 1564.
Abonnieren Sie auch unseren Telegram-Channel unter: https://t.me/Freiburger74Standard
Hinterlassen Sie einen Kommentar