Von Jan Ackermeier

Am 15. Juni 1775 fällt in Philadelphia eine Entscheidung, die den Verlauf der amerikanischen Geschichte nachhaltig prägen wird: Der Zweite Kontinentalkongreß ernennt den Pflanzer und Abgeordneten aus Virginia, George Washington, zum Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee. Aus einem Zusammenschluß meist unerfahrener Milizen der dreizehn Kolonien soll eine gemeinsame Streitmacht werden – und Washington wird ihr „Commander in Chief“.

Die Lage der Kolonien ist zu diesem Zeitpunkt angespannt und unsicher
Seit dem Gefecht von Lexington und Concord im April 1775 ist aus dem politischen Konflikt mit Großbritannien ein offener bewaffneter Aufstand geworden. In der Nähe von Boston belagern koloniale Truppen bereits britische Einheiten, doch es fehlt an einheitlicher Führung, Versorgung und Strategie. Viele Delegierte im Kontinentalkongreß schwanken noch zwischen dem Wunsch nach Ausgleich mit der Krone und der Einsicht, daß eine Rückkehr zum Status quo immer unwahrscheinlicher wird. Washington hat sich schon zuvor als entschlossener, aber maßvoller Verfechter kolonialer Rechte einen Namen gemacht. Als Veteran des Franzosen- und Indianerkriegs bringt er zudem militärische Erfahrung mit, über die nur wenige seiner Zeitgenossen verfügen. Mit seiner Präsenz in Uniform im Sitzungssaal des Kongresses sendet er ein klares Signal: Die Kolonien sind bereit, ihren Forderungen notfalls mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen – aber unter geordnetem Befehl und im Namen gemeinsamer Prinzipien.

Die Ernennung am 15. Juni 1775 ist mehr als nur eine Personalentscheidung
Sie bündelt die militärischen Kräfte der Kolonien, schafft ein Symbol ihrer Einheit und stellt zugleich eine Führungsfigur bereit, die später zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird. Washington übernimmt eine Armee, die an Ausrüstung, Ausbildung und Disziplin den professionellen britischen Truppen deutlich unterlegen ist. Dennoch gelingt es ihm in den folgenden Jahren, trotz Rückschlägen, Desertionen und Versorgungsengpässen, den Kampf über Wasser zu halten und entscheidende Siege zu erringen. So markiert dieser Junitag einen Wendepunkt: Aus verstreuten Aufständen formiert sich eine organisierte Revolution. Die Entscheidung des Kontinentalkongresses, George Washington das Kommando zu übertragen, legt den Grundstein für den militärischen Erfolg der Unabhängigkeitsbewegung – und für den Aufstieg eines Mannes, der zur Schlüsselfigur der jungen amerikanischen Republik werden sollte.

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: „Washington Crossing the Delaware“ von Emanuel Leutze (1851)

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