Von Jan Ackermeier
Am 3. Juni 1959 beschließt die Volkskammer der „DDR“ ein Gesetz, das die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft zum politischen Programm erhebt. Was in nüchternen Verwaltungsformeln daherkommt, bedeutet in der Realität einen tiefen Einschnitt in das Leben hunderttausender Bauern und ihrer Familien. Kern des Gesetzes ist die flächendeckende Durchsetzung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG). Private bäuerliche Betriebe sollen in kollektive Großbetriebe überführt werden, Boden, Maschinen und Vieh gehen – meist unter massivem politischem Druck – in Gemeineigentum über. Offiziell verspricht die SED-Führung höhere Erträge, moderne Technik und sozialistische Gleichheit auf dem Land. Tatsächlich erleben viele Bauern die „freiwillige“ Mitgliedschaft in einer LPG als Zwang: Wer sich verweigert, ,muß mit steuerlichem Druck, Repression und gesellschaftlicher Ausgrenzung rechnen.
Die Folgen zeigen sich schnellIn vielen Dörfern fehlt es an Erfahrung in der Leitung großer Kollektivbetriebe, Planvorgaben ersetzen lokale Fachkenntnis. Es kommt zu organisatorischen Problemen, ineffizientem Ressourceneinsatz und sinkender Produktivität. Traditionelle Arbeitsabläufe werden aufgebrochen, Verantwortlichkeiten verwischen, Motivation und Identifikation vieler Landwirte mit „ihrem“ Betrieb lassen nach. Ertragseinbußen bleiben nicht aus – mit spürbaren Auswirkungen auf die allgemeine Versorgungslage. Für zahlreiche Bauern ist der 3. Juni 1959 damit auch ein Datum der inneren Kündigung. Wer kann, versucht, die „DDR“ zu verlassen und in die Bundesrepublik zu fliehen, bevor die Grenze vollends dicht ist. Zur wirtschaftlichen Krise auf dem Land tritt eine stille Abstimmung mit den Füßen: Die Kollektivierung verändert nicht nur die Eigentumsverhältnisse, sondern auch die soziale Struktur weiter Teile des ländlichen Raums bis heute in der ehemaligen „DDR“. Im historischen Rückblick steht das Gesetz vom 3. Juni 1959 exemplarisch für den Versuch der „DDR“-Führung, mit administrativen Mitteln eine „sozialistische Landwirtschaft“ zu erzwingen – und für die langfristigen wirtschaftlichen und menschlichen Kosten dieser Politik, die bis heute nachwirken.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Dem Sozialismus gehörte die Zukunft sicherlich nicht. Urheber unbekannt
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