Von Jan Ackermeier

Am 12. Mai 919 versammeln sich in Fritzlar die Großen des Ostfrankenreichs, vor allem aus Sachsen und Franken. Der Anlaß ist von historischer Tragweite: Nach dem Tod König Konrads I. steht die Frage im Raum, wer die Nachfolge auf dem ostfränkischen Thron antreten soll. Mit der Entscheidung dieses Tages beginnt eine neue Epoche. Die Wahl fällt auf Heinrich, Herzog der Sachsen, der wegen seiner Leidenschaft für die Jagd schon von Zeitgenossen den Beinamen „der Vogler“ erhält. Entscheidenden Anteil an dieser Wahl hat Konrads Bruder Eberhard. Er folgt dem letzten Willen des Verstorbenen, keinen eigenen Nachfolger aus der fränkischen Linie zu präsentieren, sondern den mächtigen sächsischen Herzog zu unterstützen, um das Reich zu befrieden. In Fritzlar überreicht Eberhard Heinrich feierlich die Reichsinsignien – ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Herrschaft nun in sächsische Hände übergeht.

Mit Heinrich I. steht erstmals ein Sachse an der Spitze des Ostfrankenreichs
Damit verschiebt sich das politische Gewicht innerhalb des Reiches: Sachsen wird zum neuen Machtzentrum, ohne dass die anderen Stammesherzogtümer – Franken, Bayern, Schwaben und Lothringen – an Bedeutung verlieren. Heinrichs Königsherrschaft ist weniger durch glanzvolle Hofkultur als durch pragmatische Reichspolitik geprägt. Er setzt auf Absprachen mit den Eliten, versucht Konflikte durch Bündnisse und Ausgleich zu entschärfen und stärkt zugleich die Wehrkraft des Reiches gegenüber äußeren Feinden, etwa den Ungarn.

Rückblickend gilt Heinrich I. häufig als Begründer der sogenannten ottonischen Herrscherdynastie
Sein Sohn Otto I. wird später als „der Große“ in die Geschichte eingehen und 962 die Kaiserkrone erringen. Doch der Grundstein für diese Entwicklung wird am 12. Mai 919 in Fritzlar gelegt. Die Wahl Heinrichs markiert den Übergang von der karolingisch geprägten Frühphase des Ostfrankenreichs zu einer neuen, sächsisch dominierten Königsherrschaft. Was an diesem Maitag wie ein Akt hochadeliger Machtpolitik wirkt, erweist sich aus historischer Perspektive als Weichenstellung von langfristiger Bedeutung: Mit Heinrich I. beginnt ein Königtum, das die politische Landschaft Mitteleuropas über Generationen prägen wird.

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Heinrich I. mit Beizvogel (Zeichnung der noch in Fragmenten vorhandenen Stuckfigur des Dollingersaals von 1280 in Regensburg von Jeremias Grienewaldt 1611/14). Urheber unbekannt.

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