Von Jan Ackermeier

Am 27. März 1958 vollzieht sich in Moskau ein Machtwechsel, der nach außen unspektakulär wirkt, innenpolitisch jedoch von großer Tragweite ist: Nikita Chruschtschow wird Vorsitzender des Ministerrats der Sowjetunion und damit offiziell Regierungschef. Bis dahin stand er „nur“ als Erster Sekretär an der Spitze der Kommunistischen Partei – dem eigentlichen Machtzentrum im sowjetischen System.

Mit der Übernahme des Regierungsamtes vereint Chruschtschow nun Partei- und Staatsführung in einer Hand
Diese Ämterhäufung knüpft an die Praxis der Stalin-Zeit an, markiert aber gleichzeitig eine neue Phase nach der Entstalinisierung. Seit seiner berühmten Geheimrede 1956, in der er die Verbrechen Stalins anprangerte, ist Chruschtschow die prägende Figur eines vorsichtigen Kurswechsels: Rehabilitierungen, leichte Lockerungen nach innen, ein stärkeres Werben um Bündnisse nach außen.

Der Schritt vom Parteichef zum Regierungschef bedeutet daher mehr als einen bloßen formalen Akt
Er signalisiert, dass sich Chruschtschow im inneren Machtkampf gegen Rivalen wie Georgi Malenkow oder Wjatscheslaw Molotow durchgesetzt hat. Zugleich stärkt er die Position eines Mannes, der den Sozialismus zwar nicht in Frage stellt, ihn aber „modernisieren“ will – mit Reformen in der Landwirtschaft, ehrgeizigen Wirtschaftsprogrammen und einer betonten Konkurrenz zum Westen auf wissenschaftlichem und technologischem Gebiet. International beobachten die Regierungen des Westens die Personalentscheidung mit gemischten Gefühlen.

Was will Chruschtschow wirklich?
Einerseits gilt Chruschtschow als der Mann, der den „Tauwetter“-Kurs einleitet und gelegentlich zur Entspannung bereit ist. Andererseits lässt seine scharfe Rhetorik – etwa die berühmte Ankündigung, der Westen werde „begraben“ – erkennen, dass der Kalte Krieg mit neuen Mitteln fortgeführt wird. Auch sein Handeln während der Kuba-Krise im Oktober 1962 zeigt, dass die Systemgegensätze nach wie vor die sowjetische Politik stark bestimmen. Das Kalenderblatt zum 27. März 1958 zeigt daher einen Moment, in dem sich die Machtverhältnisse in der Sowjetunion konsolidieren. Mit Chruschtschow als oberstem Parteiführer und Regierungschef treten die inneren Konfliktlinien im Kreml vorerst in den Hintergrund. Die Weichen sind gestellt für eine Phase des Nebeneinanders von Entspannungssignalen und gefährlichen Konfrontationen – von der Berlin-Krise bis zur Kuba-Krise –, die das Gesicht des Kalten Krieges in den folgenden Jahren prägen wird.

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Nikita Chruschtschow mit Walter Ulbricht bei einem Staatsbesuch in der „DDR“ im Jahr 1957. Urheber unbekannt.

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