Von Jan Ackermeier
Am 11. März 1985 tritt in Moskau ein Mann an die Spitze der Sowjetunion, der die Weltpolitik grundlegend verändern wird: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wählt den 54‑jährigen Mikhail Gorbatschow zum neuen Generalsekretär. Nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation, bürokratischer Erstarrung und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung setzt die Partei damit bewusst auf eine jüngere, reformorientierte Führungspersönlichkeit – ein brisanter Bruch mit der bisher eher alten und konservativen Machtelite.

Sowjetunion erschöpft – Erneuerung das Schlagwort
Gorbatschow übernimmt ein Imperium, das militärisch aufgerüstet, politisch autoritär, aber wirtschaftlich erschöpft ist. Die gigantischen Rüstungsausgaben des Kalten Krieges, ineffiziente Planwirtschaft und Versorgungsengpässe prägen den Alltag vieler Sowjetbürger. Zugleich sind die Beziehungen zum Westen nach der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa und dem Krieg in Afghanistan stark belastet. In dieser Situation entscheidet sich die KPdSU-Führung nicht für eine weitere Verschärfung des Kurses, sondern für vorsichtige Erneuerung von innen – verkörpert durch Gorbatschow.
Perestroika und Glasnost
Schon bald nach seiner Wahl prägt er zwei Schlagworte, die zum Markenzeichen seiner Politik werden: „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“ (Offenheit). Perestroika steht für den Versuch, die sowjetische Wirtschaft durch begrenzte Marktmechanismen, mehr Eigenverantwortung der Betriebe und eine Modernisierung von Technologie und Verwaltung wieder leistungsfähiger zu machen. Glasnost bedeutet mehr Transparenz, eine freiere öffentliche Diskussion und eine vorsichtige Lockerung der Zensur – ein Novum in einem Staat, der über Jahrzehnte Kritik systematisch unterdrückt hatte. Diese Reformen entfalten bald eine Eigendynamik, die weit über die ursprünglichen Absichten hinausgeht. Medien berichten offener über Mißstände, Umweltkatastrophen und historische Verbrechen des Stalinismus; in den Unionsrepubliken entstehen nationale Bewegungen, die mehr Rechte und schließlich Unabhängigkeit fordern.
Nach außen signalisiert Gorbatschow Gesprächsbereitschaft
Abrüstungsverhandlungen mit den USA, der Verzicht auf gewaltsame Intervention in den Staaten des Ostblocks und die Akzeptanz demokratischer Umbrüche in Osteuropa verändern das Gesicht Europas innerhalb weniger Jahre. Rückblickend markiert der 11. März 1985 daher weit mehr als nur einen Führungswechsel in der Sowjetunion. Die Wahl Mikhail Gorbatschows zum Generalsekretär ist ein Schlüsselereignis auf dem Weg zum Ende des Kalten Krieges, zur Auflösung des Ostblocks und schließlich zum Zerfall der Sowjetunion selbst. Was als kontrollierte Reform von oben begann, wurde zum Ausgangspunkt einer politischen Zeitenwende, deren Folgen bis heute die europäische und globale Ordnung prägen.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Gorbatschow bei seiner Antrittsrede am 11. März 1985. Eduard Pesov/TASS
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