Von Jan Ackermeier
An einem grauen Februartag auf einem Feld bei Daventry in Mittelengland wird am 26. Februar 1935 Technikgeschichte geschrieben. Ein kleiner Trupp britischer Ingenieure blickt gespannt auf Meßgeräte, während über ihnen ein Flugzeug seine Bahnen zieht. Was von außen unspektakulär wirkt, ist in Wahrheit ein Wendepunkt: Erstmals wird unter realen Bedingungen demonstriert, dass sich Flugzeuge mit Hilfe von Funkwellen aufspüren lassen. Der Physiker Robert Watson-Watt, Sohn eines schottischen Landvermessers, arbeitet zu diesem Zeitpunkt eigentlich im Auftrag des britischen Luftfahrtministeriums an der Frage, ob sich Funkstrahlen als „Todesstrahlen“ nutzen ließen – eine Idee, die in den 1930er-Jahren in der Presse wild kursiert. Watson-Watt hält wenig von solchen Science-Fiction-Träumen.
Stattdessen entwickelt er eine wesentlich nüchternere, aber revolutionäre Idee
Funksignale sollen nicht zerstören, sondern aufspüren. Beim Daventry-Experiment im Februar 1935 sendet eine bestehende Rundfunkstation kontinuierlich Radiowellen aus. Ein in der Nähe aufgestellter Empfänger misst die Störungen dieses Signals, wenn ein Flugzeug die unsichtbaren Wellen kreuzt. Genau diese Störungen registrieren Watson-Watt und sein Team an diesem Tag eindeutig – und beweisen damit, dass sich aus der Auswertung von Funk-Echos Informationen über Position und Bewegung eines Flugzeugs gewinnen lassen.
Die Messung ist noch grob, von einem modernen Radarschirm weit entfernt
Doch der grundlegende physikalische Nachweis ist erbracht: Der Himmel lässt sich gewissermaßen „sichtbar“ machen, ohne ihn zu sehen. Für die militärische Führung Großbritanniens ist das Ergebnis ein Weckruf. In den folgenden Jahren wird unter größter Geheimhaltung ein zusammenhängendes Radar-Frühwarnsystem entlang der britischen Küste aufgebaut – das sogenannte „Chain Home“-Netz. Als wenige Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbricht und die Luftschlacht um England tobt, erweist sich dieses Radarsystem als lebenswichtig. Es ermöglicht der Royal Air Force, deutsche Bomberverbände frühzeitig zu erkennen, Abfangjäger gezielt zu dirigieren und die knappen Verteidigungsressourcen effizient einzusetzen. Der Erfolg der britischen Luftverteidigung beruht nicht allein auf Radar, aber ohne das von 1935 wäre diese Technologie womöglich nicht rechtzeitig einsatzbereit gewesen.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Zeichnung des Daventry-Experiments im British Radar Museum. Urheber unbekannt.
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