Von Jan Ackermeier

Am 23. Februar 1455 beginnt in Europa eine Medienrevolution: In Mainz wird die sogenannte Gutenberg‑Bibel fertiggestellt – das erste große Buch, das mit beweglichen Metallettern in hoher Auflage gedruckt wird. Der Bibeltext ist dabei nur auf den ersten Blick eine rein religiöse Angelegenheit. Tatsächlich markiert dieses Werk den Startpunkt einer technischen und kulturellen Entwicklung, die das Gesicht des Kontinents dauerhaft verändern wird. Johannes Gutenberg, gelernter Goldschmied aus einer Mainzer Patrizierfamilie, hatte über Jahre an seinem neuen Druckverfahren gearbeitet. Entscheidend war nicht nur die Idee, Buchstaben als einzelne Metalltypen immer wiederzuverwenden, sondern auch ein ölbasierter Druckfarbentyp und eine robuste Presse nach Vorbild der Wein- und Ölpressen. All diese Elemente zusammen machten es möglich, Texte schnell, vergleichsweise kostengünstig und in gleichbleibender Qualität zu vervielfältigen – ein enormer Fortschritt gegenüber der mühsamen Handarbeit der Schreiber in den Skriptorien der Klöster.

Die Gutenberg‑Bibel selbst wirkt in ihrer Gestaltung wie ein Bindeglied zwischen alter und neuer Zeit
Der zweispaltige lateinische Text, die großzügigen Ränder und die sorgfältige Typographie orientieren sich optisch noch stark an den prachtvollen Handschriften. Viele Exemplare wurden nach dem Druck von Hand mit farbigen Initialen und ornamentalen Verzierungen ausgestattet, so dass sie auf den ersten Blick kaum von einer handgeschriebenen Bibel zu unterscheiden sind. Doch hinter der schönen Oberfläche steckt eine radikale Innovation: Statt eines einzigen Unikats existieren plötzlich Dutzende nahezu identischer Exemplare.

Die Folgen lassen sich zu diesem Zeitpunkt noch niemandem vollständig erahnen
Der Druck der Gutenberg‑Bibel ist der Auftakt zu einer explosionsartigen Verbreitung von Wissen: Theologische Schriften, juristische Texte, naturwissenschaftliche Werke, aber auch Flugschriften und Pamphlete können nun in ganz anderen Stückzahlen verbreitet werden. Das Kalenderblatt zum 23. Februar erinnert damit nicht nur an ein einzelnes Buch, sondern an die Geburtsstunde einer neuen Epoche. Mit der Gutenberg‑Bibel beginnt das Zeitalter des Buchdrucks – und mit ihm der Übergang in eine zunehmend schriftbasierte Öffentlichkeit, die bis heute unsere moderne Welt prägt.

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Gutenberg-Bibel der New York Public Library. Urheber unbekannt.

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