Von Gastautor Frank Elzacher

Was passiert da im stärksten AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen? Das fragen sich nicht nur außerhalb von NRW beheimatete Freunde und Mitglieder der Partei, aber auch regelmäßig Gegner der AfD. Es ist eben schwierig, als Nicht-Eingeweihter den Durchblick zu behalten. Daher informiert Gastautor Frank Elzacher die Leser und Leserinnen des Freiburger Standards in einem zweiteiligen Beitrag ausführlich über die nicht immer schmeichelhaften Vorgänge im Landesverband NRW. Um sich einen adäquaten Überblick verschaffen zu können, ist es daher nötig, ein wenig auszuholen. Wir bitten um Verständnis!

Auf Identitätssuche: Die AfD NRW
Wer sich über den Zustand der AfD in ihrem größten Landesverband bisher im Unklaren war, wusste spätestens am 24. Januar Bescheid: Die Landtagsfraktion hatte rund 1.000 Kommunalpolitiker zum Kongress geladen. Auf der Bühne unter anderem Bundeschefin Alice Weidel. Am Ende seines Redebeitrags stand Landeschef Martin Vincentz auf der Bühne und stellte seine Fraktionskollegen vor. Mit dabei: Klaus Esser, dessen Immunität der Landtag NRW in der Folgewoche aufheben sollte. Der zuständige Staatsanwalt hatte Strafbefehl gegen ihn beantragt, weil er sich mit gefälschten Zeugnissen als Jurist ausgegeben und damit ausgerechnet bei der AfD als Landesgeschäftsführer beworben haben soll. Die Schuld Essers gilt in Parteikreisen als unstrittig, zumal er – wenn es die Zeugnisse denn wirklich gäbe – jeden Verdacht durch deren Vorlage problemlos ausräumen könnte (wir berichteten mehrfach).

Kein Foto mit Esser gewünscht
In diesem Moment sollte eigentlich ein Gruppenfoto der gastgebenden Landtagsfraktion mit der Parteichefin entstehen. Doch Weidel hatte sich vorab jede gemeinsame Aufnahme mit dem mutmaßlichen Straftäter Esser, es gilt natürlich die Unschuldsvermutung, verbeten. Als Vincentz dann Esser auf die Bühne rief, reagierten die anwesenden Funktionäre deutlich: Mit einem gellenden Konzert aus Pfiffen und Buhrufen. Weidel saß im Publikum und schüttelte den Kopf.

Verstimmungen zwischen Landesvorsitzendem und der Parteispitze?
Nicht nur das Krisenmanagement in der Causa Esser sorgte für Verstimmung zwischen der Berliner Parteispitze und Vincentz. Aber sie ist es offenbar, die das Fass zum Überlaufen brachte: Als im Oktober ein Richter am Landesschiedsgericht, der selbst bei der Landtagsfraktion – und damit bei Martin Vincentz und Klaus Esser selbst – beschäftigt ist, das Verfahren mit einer milden Ämtersperre beenden wollte, schritt die Bundesspitze ein: Der Bundesvorstand bestellte den als unbestechlich geltenden Bundestagsabgeordneten Fabian Jacobi, der bisher den Landesvorstand in dem Verfahren vertreten hatte, zur Berichterstattung ein. Jacobi hatte bereits signalisiert, dass er nicht bereit sei, das Verfahren zu beenden und hatte Befangenheitsantrag gegen den abhängig beschäftigten Richter gestellt.

Warum hält Vincentz an Esser fest?
In Düsseldorf sorgte dies für regelrechte Panikattacken. Übereinstimmend berichten mehrere Beteiligte unserer Redaktion, dass Landeschef Vincentz seine „Paladine“ (so der Name der WhatsApp-Gruppe, in der sich seine Getreuen im Landesvorstand versammeln) eiligst, noch am Abend zu einer Zoomkonferenz zusammenrief. Im Hau-Ruck-Verfahren wurde dann Rechtsanwalt Fabian Jacobi als Prozessvertreter abberufen und durch den Bonner Musiksoziologen Hans Neuhoff ersetzt. Der handelte schnell und nahm den Vergleichsvorschlag an – Esser wäre ohne nennenswerte Strafe davongekommen. Doch auch in Berlin handelte man schnell: Schon am frühen Morgen erreicht ein von Alice Weidel und Tino Chrupalla unterzeichnetes Schreiben das Schiedsgericht. Der Bundesvorstand war dem Verfahren beigetreten und hatte damit den Düsseldorfern die Kontrolle aus der Hand genommen. In der Parteigeschichte wohl ein einzigartiger Vorgang und ein Misstrauensbeweis gegen Landeschef Vincentz und seine Gefolgschaft.

Warum aber hält der so eisern ausgerechnet an Klaus Esser fest?
In Parteikreisen spekuliert man: Esser habe „über jeden eine Akte“, so habe dieser selbst schon damit kokettiert, wie eine Zeitung berichtete. Hat er also belastendes Material über Martin Vincentz? Wahrscheinlicher ist folgendes: Esser kontrolliert 40 bis 50 Delegierte auf dem NRW-Landesparteitag. Und „Kontrolle“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Sein eigener Kreisverband Düren und der von seinen Vertrauten geführte Kreisverband Aachen (einer der größten in NRW) gelten parteiintern als „Sekten“. Kritiker fühlen sich mitunter mit rabiaten Methoden ausgegrenzt und mundtot gemacht. Zu Parteitagen entsendet man möglichst ahnungslose und steuerbare Delegierte, die mittels Messengernachrichten ferngesteuert werden können, so die Kritik. Kontakt zu anderen Kreisverbänden wird gerne unterbunden, heißt es.

Vincentz ist auf diese Stimmen angewiesen
Und auch neuerliche Vorwürfe gegen Esser, die diese Woche bekannt wurden, dürften sein „Standing“ – noch – nicht allzu sehr gefährden. Ob Martin Vincentz zudem noch eine Mehrheit im Landesverband hat, ist fraglich, ohne die Stimmen aus Aachen und Düren hat er aber gewiss keine mehr. Und bei der Mehrheitsfindung ist der Arzt, der stets eloquent und verbindlich auftritt, alles andere als zimperlich. Er umgibt sich indes mit einer Reihe fragwürdiger Charaktere, die zu seinem Image als „Saubermann“ oder „Weißer Ritter“ so gar nicht passen wollen, so die häufig zu vernehmende Kritik der Basis.

Die Dauerfehde, die alles lähmt: Vincentz gegen Helferich
Seit Jahren führt der Landesvorsitzende auf Abruf dagegen eine Dauerfehde gegen den Dortmunder Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, die in einem Parteiausschlussverfahren mündete. Helferich war gegen den Willen Vincentz‘ in den Landesvorstand gewählt worden und wurde von den „Paladinen“ mittels Entzug der Mitgliederrechte wieder entfernt. Die praktische Nebenwirkung: Die Zweidrittelmehrheit im Vorstand für neue Ausschlussverfahren gegen unliebsame Parteifreunde war damit gesichert. Dabei sind die Vorwürfe gegen Helferich so dünn, dass parteiintern schon klar ist: Nur vor einem dysfunktionalen Gericht wie dem Landesschiedsgericht NRW konnte das halten. Spätestens das Bundesschiedsgericht oder ein Zivilgericht wird ihm seine Mitgliedsrechte wiedergeben, sind sich viele Beobachter sicher. Und dass die Parteibasis von dem Verfahren nicht überzeugt ist, zeigte sie schon im vergangenen Jahr: Trotz Ausschlussverfahrens, trotz Entzugs der Mitgliederrechte, trotz monatelanger Medienkampagne wählten sie den Dortmunder erneut in den Bundestag.

Falsche Freunde? Aber sehr umtriebig und fleißig!
MdB Helferich gilt zwar als schwierig im Umgang und als Vertrauter des Thüringer Parteichefs Björn Höcke, aber eben auch als sehr umtriebig; als Abgeordneter fleißig und auch als redegewandt, was ihn authentisch macht. Seine Anhängerschaft im Landesverband ist beachtlich – auch weil er es wie kein zweiter versteht, die Seele der AfD-Mitglieder mit grundsätzlichen Positionen – abseits der Tagespolitik zu streicheln. Er ist damit das Gegenmodell zu dem, was sich um Vincentz herum sammelt. Und dies trotz der Mainstream-Berichterstattung, die die Fehde Vincentz gegen Helferich zu einem Ringen zwischen „Gemäßigten“ und „Rechtsradikalen“ hochzustilisieren versucht, ganz so, als sei die AfD NRW seit 2015 in einer Zeitschleife gefangen. Dieses auch gerne von Vincentz‘ Anhängern verbreitete Narrativ könnte falscher nicht sein, das zeigt schon ein Blick auf die Anhängerschaft des Landesvorsitzenden, die man – neudeutsch – durchaus als divers bezeichnen kann.

Die umstrittenen Bündnispartner des „Weißen Ritters“
Zu den treuen „Paladinen“ im Landesvorstand gehören indes zum Beispiel Schatzmeister Christian Blex, ehemaliger „Obmann“ des inzwischen aufgelösten „Flügels“ in NRW, der sich dem Vincentzlager sicher nicht angeschlossen hat, weil es dort mehr politische Übereinstimmungen gibt als bei den Anhängern von Matthias Helferich. Exemplarisch für die Doppelzüngigkeit ist auch das Landesvorstandmitglied Uwe Detert. Er wurde von der Bürgermeisterwahl in seiner Heimatstadt ausgeschlossen, nachdem eine Reihe von Äußerungen durch ihn aufgefallen waren, die direkt aus dem Handbuch der Reichsbürger oder dem Verfassungsschutzbericht stammen könnten. Der Fall war der AfD offenbar so peinlich, dass die Partei sich ausdrücklich nicht daran beteiligte, irgendwelche Rechtsmittel einzulegen. Das heißt schon was! Für seine Verfehlungen, die bestens geeignet sind, die AfD in einem möglichen Verbotsverfahren zu belasten, erhielt Detert vom Vincentz-Vorstand dagegen nur eine milde Rüge. Schließlich stimmt er immer brav mit der Vorstandsmehrheit. Auch die stellvertretende Schatzmeisterin Freya Braun fiel negativ bei AfD-Vorständlern auf, als sie mit einem Twitter-Profil den ehemaligen Chef einer anderen rechten Partei feierte und Matthias Helferich als „Homokokser“ bezeichnete. Hierfür belangte sie sogar der Staatsanwalt, die AfD NRW war indes wieder milde: Die Dame kam mit einer Rüge davon.

Wo die Musik künftig nicht mehr spielt
Als besonders willfähriger Vollstrecker bewährte sich auch der Musiksoziologe Prof. Dr. Hans Neuhoff (wir berichteten mehrfach), der anstelle des eigensinnigen Volljuristen Fabian Jacobi den Mann fürs Grobe in den diversen Ausschlussverfahren gibt, die er nicht selten auch selbst initiiert. Seine fehlende juristische Fachkompetenz versucht er offenbar mitunter mit künstlicher Intelligenz auszugleichen, was aber nicht immer gelingt. So musste er schon darauf hingewiesen werden, dass ein Urteil, was er zur Stützung seiner eher abwegigen Rechtsauffassung heranzog, nicht existierte und offenbar von seiner KI erdacht wurde. Während derlei dilettantische Auswüchse noch harmlos-lächerlich erscheinen, darf die kritikfähige Untriebigkeit des Herrn nicht unterschätzt werden: Nachdem er den NRW-Schiedsgerichtspräsidenten mit Parteiausschluss bedrohte, weil er seiner Rechtsauffassung nicht folgen wollte, sah sich sogar der Bundesvorstand gezwungen, Neuhoff abzumahnen, weil er die Unabhängigkeit des Schiedsgerichts und damit die rechtsstaatliche Ordnung der Partei gefährdete. Auch das ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der AfD.

Kein „Weißer Ritter“
Außerhalb des Landesvorstands ist Vincentz derweil bei der Wahl seiner Verbündeten nicht minder wahllos, weshalb das Image vom „Weißen Ritter“, der gegen die bösen Extremisten kämpft, kaum noch jemand glaubt. Bestes Beispiel: Manuel Krauthausen. Der Bundestagsabgeordnete hatte kurz nach Jahreswechsel für Negativschlagzeilen gesorgt, weil er sich in den sozialen Medien als „arischer Talahon“ bezeichnete und die Schuld am Untergang der Titanic den Juden zuschrieb. Nach solchen Geschichten würde man bei anderen Parteien wohl erst einmal ins „Abklingbecken“ geschickt, auch und gerade von einem Parteichef, der sich bei jeder Gelegenheit als politischer Saubermann verkauft.

Clinch mit der Parteijugend
Vincentz aber hielt es für eine gute Idee, ihn wenige Tage nach den Vorfällen als Chef der neu zu gründenden Parteijugend „Generation Deutschland“ zu empfehlen, weil – so muss man annehmen – der Gegenkandidat zwar keine Antisemitismusskandale für sich verbuchen kann, aber als Vertrauter von Matthias Helferich gilt. Es kam wie es kommen musste: Vincentz‘ Wunschkandidat scheiterte krachend. Der Landeschef war eigens zur Jugendversammlung angereist, um noch vor der Bewerbungsrede seines Wunschkandidaten wieder von Dannen zu ziehen, als sich die Mehrheiten abzeichneten. Seither ist das Tischtuch mit der Parteijugend in NRW zerschnitten: In einem Video mit dem CDU-nahen Blogger Peter Weber von „Hallo Meinung“ bezeichnete  der Landeschef die Parteijugend in NRW als „zu akademisch“ und verglich sie sogar mit dem gewaltbereiten, linksextremen „Schwarzen Block“. Nicht nur die Parteirechte war über diesen Umgang mit dem Parteinachwuchs empört: Der als „mittig positioniert“ geltende Landesvize und frühere Chef der Vorläuferjugendorganisation Sven Tritschler rechnete bei X vor, dass der NRW-Vorstand des Parteinachwuchses mehr Personen mit Berufsausbildung, Studium und Meisterbrief umfasse, als der der Mutterpartei.

Feindschaft mit alten Parteigranden
Während die Entourage von Martin Vincentz also immer wildere Bündnisse zusammenfügte, macht man sich auch noch ohne Not neue Feinde: Unabhängige Köpfe in der Partei gelten dem Landeschef und seinen Mitstreitern offenbar als verdächtig. Etwa Fabian Jacobi, der seit Jahren Rechtsfragen für den Landesverband bearbeitet und sich so den Ruf als integrer „Satzungspapst“ erarbeitet hat. Oder die Gelsenkirchener Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias, die in ihrer Heimatstadt regelmäßig Rekordergebnisse einfährt und deren Landtagsreden weit höhere Reichweiten erzielen als die ihres Fraktionschefs. Oder Sven Tritschler: Der Landes- und Fraktionsvize, der ebenfalls über einen starken Rückhalt in der Partei verfügt und noch dazu als enger Vertrauter von Bundeschefin Weidel gilt. Sie alle ließen sich in der Causa Vincentz vs. Helferich nicht so richtig einordnen und verweigerten die bedingungslose Gefolgschaft. Das könnte sich bei der nächsten Landesvorstandswahl für Vincentz bitter rächen.

Ein intriganter Pressesprecher?
Dann muss eben das eigene Lager besser positioniert werden, mag die Selbsterkenntnis um den Landeschef lauten. In der „Offiziersrunde“, einer WhatsApp-Gruppe von Vincentz mit ihm nahestehenden Strippenziehern, heckte man wohl deshalb Intrigen aus. Triebfeder dahinter: Vincentz‘ Pressesprecher Kris Schnappertz, der schon im Berliner Landesverband eher durch Ränkespiele aufgefallen war, so sein Ruf. Als erstes Ziel hatte man Sven Tritschler auserkoren, der auch noch dabei im Wege stand, den Kölner Kreisverband und dessen Delegierte unter eine willfährige Führung zu bringen. Man suchte nach Belastungsmaterial und als man nichts fand, begann man, einen 22-jährigen Mitarbeiter des Landtagsabgeordneten VS-gleich informell „abzuschöpfen“. Wie auch unserer Redaktion vorliegende Screenshots belegen, die Tritschler an seine Fraktionskollegen sandte, wurde zunächst versucht, den Mitarbeiter mit hochdotierten Jobs im Bundestag zu bestechen, später wurde er vom Landesvorstand aber mit einem Parteiausschlussverfahren überzogen, das man in einem Vergleich enden lassen wollte, wenn er „endlich liefert“, wie es wörtlich in einer WhatsApp-Nachricht von Vincentz‘ Büroleiterin an Tritschlers Mitarbeiter heißt.

Was wusste Martin Vincentz?
Der Landeschef selbst bestritt jede Kenntnis von den Vorgängen, weigerte sich aber zunächst, seinen Pressesprecher vor die Tür zu setzen, der eine hochdotierte Stelle bei der Landtagsfraktion und noch Nebenjobs beim AfD-Landes- und Bundesverband hatte. Schließlich wurde auf Vincentz‘ Wunsch hin die Trennung außerordentlich großzügig gestaltet: Schnappertz erhielt ein halbes Jahr Gehalt ohne Gegenleistung und eine Abfindung. Auch der AfD-Landesverband stellte ihn monatelang bei vollen Bezügen frei, bevor er schließlich das Feld räumen musste. Die mindestens genauso verstrickte Büroleiterin des Fraktionschefs sitzt dagegen bis heute in seinem Vorzimmer. Darf aber, so der Kompromiss mit der Fraktion, an keinen Sitzungen der Fraktion oder ihres Vorstands mehr teilnehmen.

Die Anspannung steigt
Das Verhältnis zwischen Vincentz und weiten Teilen seiner Fraktion gilt spätestens seit diesen Vorfällen im vergangenen Sommer als zumindest angespannt: Weder im Fraktionsvorstand noch in der Fraktion selbst hat Vincentz seither noch eine stabile Mehrheit. „Strategische Beschäftigungen“ – wie es im Fraktionsumfeld heißt, sind seither nicht mehr möglich. Damit, so berichten Insider, ist die bisherige Praxis gemeint, sich Entscheider und Delegierte aus wichtigen Kreisverbänden mit Nebenbeschäftigungen aus der Landtagsfraktion heraus gefügig zu machen. Je mehr sich Vincentz durch dieses von Kritikern als „intrigant“ bezeichnetes Gebaren oder das seines Umfelds, er selbst streitet jede Beteiligung gerne ab, unabhängige Charaktere wie Jacobi, Seli-Zacharias oder Tritschler zu Feinden macht, umso mehr ist er auf unpolitische „Strippenzieher“ angewiesen, wie es scheint.

Die Strippenzieher
Zwei Namen werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt: Der besagte Klaus Esser und der Duisburger Kreissprecher Andreas Laasch. Letzterer genießt in der Partei den Ruf, das „Geschäftsmodell AfD“ perfektioniert zu haben. Als der „Spiegel“ vor einigen Jahren seine Beziehungen und die eventuelle, bis heute aber nie bewiesene Mitgliedschaft in einer Organisation, die auf der umstrittenen Unvereinbarkeitsliste steht, thematisierte, waren es insbesondere der damalige Landesvorstand um den Dortmunder Matthias Helferich, der die Unschuldsvermutung gelten ließ und Laasch auf diesem Wege für die Partei rettete. Das band ihn aber nicht ans Helferich-Lager, ganz im Gegenteil: Heute gehört er im Hintergrund zu den schärfsten Befürwortern des Ausschlussverfahrens gegen Helferich. Über die Gründe kann man nur mutmaßen: Einer davon ist sicher, dass Vincentz wesentlich leichter für ihn kontrollierbar ist als Helferich mit seiner großen Anhängerschaft in der Partei. Während Vincentz selbst nur über eine Handvoll Delegierte „verfügt“ und daher auf die Unterstützung der Strippenzieher Laasch und Esser angewiesen ist, kann Helferich selbst ja nach Schätzung dreißig bis fünfzig Prozent der Landespartei adressieren – wie die vergangenen parteiinternen Wahlen anschaulich zeigten. Und das Helferich-Lager wächst durch das unglückliche Agieren des Landeschefs und seiner Gefolgschaft beständig weiter.

Stimmt es oder stimmt es nicht?
Naturgemäß verursacht Andreas Laasch mit einer solchen angreifbaren Vita, sofern sie denn stimmt, bei Vincentz‘ verbliebenen bürgerlichen Anhängern ein gewisses Störgefühl. Auf diese „halsbrecherischen Allianzen“ (T-Online) angesprochen, erklärt der Landesvorsitzende stets, er könne keinen „Zweifrontenkrieg“ führen. Erst müsse er mit Helferich „fertigwerden“. Dass sich derweil unpolitische, aber dafür sogenannte „Beutegemeinschaften“ (Parteijargon) in der Partei breit machen, scheint den Mediziner nicht zu stören, vor allem, weil er keinerlei ideologische Grundsätze erkennen lässt. „Es ist ihm egal, dass diese Leute, die Seele der Partei verkaufen, solange er den netten Onkel Doktor spielen darf, der er beim besten Willen nicht ist,“ kommentierte gegenüber unserer Redaktion  ein langjähriges Parteimitglied.

Hat der Verfassungsschutz die Hände im Spiel?
In Helferichs Umfeld sieht man dagegen auch externe Kräfte in den größten Landesverband hineinwirken. „Leute mit Leichen im Keller, beispielsweise Straftaten oder unbekannte Mitgliedschaften in Organisationen, die auf der Unvereinbarkeitsliste stehen, könnten ideale Einflussagenten des Verfassungsschutzes sein“, heißt es dort ohne konkrete Namensnennung. Mit möglichen kriminellen beziehungsweise unbekannten und angreifbaren Biographien seien sie aber  nun einmal  leicht erpressbar für staatliche Behörden in den Händen politischer Wettbewerber. Das muss man nicht unbedingt glauben. Aber eines ist auffällig: Während selbst ideologisch unverdächtige, als „gemäßigt“ geltende AfD-Landesverbände wie Hessen und Berlin inzwischen als „Verdachtsfall“ eingestuft sind und Niedersachsen neuerdings gar als „gesichert rechtsextrem“ gilt, ist der NRW-Landesverband bisher noch nicht das Opfer derlei staatlicher Repression geworden. Wie das sein kann, in einem Landesverband, der im Landesvorstand so manchen Freund kruder Ideen duldet und dessen Landeschef jemanden zum Chef der Jugendorganisation machen will, der glaubt, die Titanic sei von den Rothschilds versenkt worden, ist schwer zu erklären. Berlin und Hessen laufen als Verbände deutlich skandalfreier.

AfD-NRW nicht extremistisch im Sinne des VS?
Im schrumpfenden Vincentz-Lager führt man das auf das „gemäßigte“ Agieren des Landeschefs zurück, während man auf der Gegenseite glaubt, dass der CDU-geführte Verfassungsschutz NRW auf diesem Weg nur Spaltung in die Partei tragen wolle. Jedenfalls werden CDU-Landeschef Wüst und sein Innenminister Reul nicht müde, auch die NRW-AfD als extremistisch zu diffamieren. Naheliegend ist daher eher, dass man mit der Einstufung der NRW-AfD einen strategisch günstigen Zeitpunkt abwarten will: Etwa vor der nächsten Landtagswahl und völlig unabhängig davon, wer an der Spitze des Landesverbands steht. Dass das häufig so gehandhabt wird, sieht man aktuell: Kurz vor den Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg wird der niedersächsische Landesverband als „gesichert rechtextrem“ gebrandmarkt und eine Angestellten-Diskussion überschattet die inhaltliche Auseinandersetzung über die Ziele der AfD.

Im Vincentz-Umfeld strickt man derweil lieber an Gräuelpropaganda
Sollten beim Landesparteitag im März die beiden Gegenkandidaten Fabian Jacobi und Christian Zaum gewählt werden, sei das Parteiverbot quasi ausgemacht, heißt es bei den Vincentz-Treuen. Das Argument wird aber wohl nur die einfachsten Geister bewegen: Ein Parteiverbot wird bundesweit kommen oder eben nicht und da spielt der Landesverband NRW eben nur eine untergeordnete Rolle. Abgesehen davon gelten weder der Radikaldemokrat und Rechtspolitiker Jacobi noch sein Bundestagskollege Zaum, der kürzlich noch als unbescholtener Studienrat tätig war, als besondere Rechtsausleger in der Partei.

Fortsetzung folgt!

Hinweis: Es handelt sich um den ersten von zwei Beitragsteilen. Der zweite wird morgen veröffentlicht.

Beitragsbild / Symbolbild und oben: DesignRage / Shutterstock.com; Meme darunter: AFD NRW / Facebook.com; Screenshot darunter: https://x.com/twittschler; Bild unten: Felix-Geringswald / Shutterstock.com; ganz unten: Sergii-Gnatiuk / Shutterstock.com

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