Von Jan Ackermeier
Am 12. Februar 1797, dem Geburtstag Kaiser Franz II., erklingt in Wien zum ersten Mal eine neue Hymne, die bald zu einem der bekanntesten musikalischen Symbole der Habsburgermonarchie werden soll: „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ auf eine Melodie von Joseph Haydn und einen Text des Dichters Lorenz Leopold Haschka. In allen Wiener Theatern wird das Lied an diesem Tag zu Ehren des Monarchen aufgeführt, im Burgtheater sogar in Anwesenheit des Kaisers selbst.
Gegner Frankreich
Die Entstehung der Hymne ist eng mit den Erschütterungen der Französischen Revolution und den Koalitionskriegen verbunden, in denen das revolutionäre Frankreich nicht nur ein militärischer Gegner, sondern als Republik auch eine grundsätzliche Herausforderung für das monarchische Prinzip darstellt. Die neue Kaiserhymne soll dem etwas entgegensetzen: Sie ist als musikalischer Gegenentwurf zur „Marseillaise“ gedacht, als emotional wirksames Bekenntnis zu Thron, Dynastie und Gottesgnadentum, das die Loyalität der Untertanen stärker an die Person des Herrschers bindet. Charakteristisch für die habsburgische Monarchie ist, dass diese Hymne zunächst keine Nationalhymne im modernen Sinn ist, sondern eine persönliche Herrscherhymne: Der Text wird jeweils auf den amtierenden Kaiser zugeschnitten und bei Thronwechseln angepaßt, während die Haydn-Melodie unverändert bleibt. Das unterstreicht das Staatsverständnis, in dem der Kaiser nicht nur an der Spitze des Staates steht, sondern den Staat als von Gott eingesetzter Souverän gleichsam verkörpert.
Schnell angenommen
Musikalisch verankert sich die Melodie rasch tief im kollektiven Gedächtnis des Vielvölkerreiches; Haydn selbst spielt sie noch in hohem Alter täglich am Klavier und beschreibt sie als persönliche Quelle von Trost und innerer Stärkung. Die Kaiserhymne begleitet die Monarchie über mehr als ein Jahrhundert, wird in zahlreiche Sprachen der Donaumonarchie übertragen und wirkt weit über 1918 hinaus: Die Melodie dient später auch als Träger verschiedener deutscher und österreichischer Hymnentexte, einschließlich des „Liedes der Deutschen“. So markiert der 12. Februar 1797 nicht nur die Uraufführung eines Liedes, sondern die Geburtsstunde eines Symbols, das die politische Kultur Mitteleuropas bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägt.
Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Autograph (Reinschrift) der Kaiserhymne von Joseph Haydn Gott erhalte Franz den Kaiser.
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