Von Sven Müller

Am 9. Januar 2025 fand ein Live-Gespräch auf der Plattform X mit Elon Musk und Alice Weidel statt, das von zahlreichen Medien dokumentiert und zitiert wurde: „Der größte Erfolg nach dieser schrecklichen Ära unserer Geschichte war es, Adolf Hitler als rechts und konservativ zu bezeichnen. Er war das genaue Gegenteil. Er war nicht konservativ. Er war dieser sozialistisch-kommunistische Typ.“ Und Weidel ergänzte: „Damals, während des Dritten Reiches, gab es die Nationalsozialisten, und wie das Wort schon sagt, waren sie Sozialisten […] Hitler war ein Kommunist und betrachtete sich selbst als Sozialist.“ Diese Aussagen wurden in zahlreichen Quellen wie FAZ, DW, Tagesschau, Spiegel und internationalen Medien (WIRED, BBC) übereinstimmend und von Weidel unwidersprochen wiedergegeben. Aber kann das stehenbleiben? Insbesondere bei jemandem, der in den Medien, aber auch dem rechtskonservativen Lager regelmäßig als in den Startlöchern stehende Kanzlerin-Anwärterin gehandelt wird?

Hinweis: Der erste Teil des Beitrages findet sich hier! Es folgt somit Teil 2:

Zeitzeugen über Hitler
Otto Strasser, ein ehemaliger NSDAP-Linker, verkündet nach dem Bruch mit Hitler 1930:

Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“ (Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ Juli 1930)

Otto Strasser in seinem Buch „Hitler und ich“ 1940 im Exil:

„Hitler ist ein völkischer, imperialistischer Faschist.“ (ebenda)

Rudolf Olden (Emigrant, Journalist, 1936):

„Gregor Strasser war der Sozialist in der Partei, Hitler liquidierte diesen Flügel.“ („Hitler the Pawn“, 1936)

Zahlreiche zeitgenössische Quellen bestätigen, dass sowohl in der NS-Bewegung, als auch bei den linken Gegnern Hitler nicht als „Sozialist“ im klassischen oder verwandten Sinne gesehen wurde.

Ein nationaler, deutscher Sozialismus
Der Begriff des „Sozialismus“ wurde in seiner von ihm definierten Form im NS-Sinne vereinnahmt. Er war rechts nicht der Einzige, der den Begriff umdeutete und ihm einen neuen Sinn gab, sprach man beispielsweise in Kreisen der „Konservativen Revolution“ auch von einem „Preußischen Sozialismus“.

„Kommunismus ist nicht Sozialismus. Marxismus ist nicht Sozialismus.“ (Interview Hitlers mit George Sylvester Viereck, Oktober 1932 in „The American Monthly“)

Hitler sprach ausdrücklich von einem „nationalen Sozialismus“. Mit dem ursprünglichen, linken Kommunismus/Sozialismus hatte der „Nationalsozialismus“ wenig zu tun. Er wollte das Volk einen und nicht klassenkämpferisch spalten. Es war ein rassenbiologisch grundierter, expansiver Nationalismus. Der starke soziale, jedoch keinesfalls originär sozialistische Einschlag, indem beispielsweise im NSDAP-Programm eine Gewinnbeteiligung der Arbeiter und Vergesellschaftung der Großindustrie gefordert wurden, war dabei nicht zu übersehen. Die kapitalistische Eigentumsordnung wurde aber beibehalten, nur eingehegt, wobei das Volk und die Nation in der Theorie über der Wirtschaft standen und staatliche Eingriffe bedarfsgerecht erfolgen konnten. An eine Auflösung des Staates oder eine Einführung einer kommunistischen anstatt einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung war nicht einmal im Ansatz zu denken.

Dr. Robert Ley
Der frühe Nationalsozialist Dr. Robert Ley war eine zentrale Figur im Dritten Reich: Reichsorganisationsleiter, Chef der „Deutschen Arbeitsfront“, Gründer von „Kraft durch Freude“ und vieles mehr. Daher ist er neben Hitler wesentlich für das, was der NS unter Sozialismus verstand:

„Sozialismus ist für uns ein Gemeinschaftszustand, eine Gesellschaftsordnung, der art- und rassegleiche Menschen angehören. Deshalb kann man auch bei verschiedenrassigen Menschen nicht von Sozialismus sprechen. Ebenso ist es unmöglich Sozialismus in rein äußeren Staats- und Wirtschaftsformen erschöpfen zu wollen. Sozialismus setzt eine Volksgemeinschaft und diese wiederum gleiches Blut, Vernunft, Einsicht und Haltung voraus. Sozialismus ist begründet auf Anspruch, auf Recht…“ (Dr. Robert Ley: Die große Stunde, S. 44 des Nachdrucks, Naunhof 2023)

Ley hat in seinem Buch aus dem Jahr 1943 besonders in den Kapiteln „Vom Almosen zum Sozialismus“ und „Sozialismus und Leistung“ die vom ursprünglichen Sozialismus weit entfernte neue NS-Definition präzise erläutert. Es kann auf Grund der Unzahl an Quellen kein Zweifel daran bestehen, dass der rechte Nationalsozialismus und der linke Sozialismus inkompatibel waren. Es war die willkürliche Aneignung eines Begriffs und dessen Umdeutung zu eigenen Zwecken.

Wofür kämpfte der Nationalsozialismus?
In einem vom Personal-Amt des Heeres herausgegebenen Buch mit dem Titel „Wofür kämpfen wir?“ (1944) wurde im Kapitel 28 (S. 104) unter der Überschrift „Was verstehen wir unter Sozialismus?“ folgendes ausgeführt:

„Da für uns Deutsche das Volk der oberste Wert ist und nicht – wie für den Marxisten – die `internationale Klasse des Proletariats , ist Sozialismus für uns eine bestimmte Form der V O L K S ordnung, die wir am besten mit V o l k s g e n o s s e n s c h a f t übersetzen könnten; eine Ordnung also, bei der es für die Rechtsstellung des einzelnen in den wirklich entscheidenden Fragen nicht darauf ankommt, ob er Bauer oder Arbeiter, Beamter oder Angestellter, Handwerker oder Gelehrter ist, sondern in erster Linie darauf, ob er Volksgenosse ist oder nicht.“ 

Exkurs: NS-Spielfilme und Belletristik
Es gibt wenige Filme und kaum Belletristik über die NS-Kampfzeit. Sie erreichten aber viele Millionen Deutsche. Hierzu zählen die Spielfilme „Hitlerjunge Quex“, „Hans Westmar“ (Horst Wessel) und „SA-Mann Brand“, die auch in Buchform existierten. Nachdem es einige Unstimmigkeiten mit der Mutter von Horst Wessel sowie dessen Biographie und sogar mit Hanns-Heinz Evers, dem schillernden Verfasser des „Horst Wessel – Ein deutsches Schicksal“ gab, setzte Dr. Goebbels auf das Buch „Parteigenosse Schmiedecke“ von Alfred Karrasch. Auch die Romane von Heinz Lohmann „SA räumt auf“ oder „Der Herrgottsbacher Schülermarsch“ von Karl Aloys Schenzinger gehören in diese Kategorie an Kampfzeitliteratur, in der die Hitlerjugend eine besondere Rolle spielt. Eine Auswertung jener bekanntesten Filme und Bücher kommt zu einem klaren Ergebnis: Der NS hatte eine neuartige, integrative Weltanschauung, deren inhaltlicher Kern allerdings eindeutig „rechts“ war. NS-Gegner waren die Linken aller Schattierungen, aber auch die Reaktion. Die Reaktion bestand aus Bürgerlichen, denen Hitlers Methoden zu radikal erschienen, die im Weimarer System sich gut eingerichtet hatten oder weitere Ablehnungsgründe hatten, die in der Ideologie des NS begründet lagen. Davon handeln diese Filme und Bücher. Wer alleine den Film „Hitlerjunge Quex“ analysiert, wird über Nicole Höchsts anfangs zitierte Äußerung „die Hitlerjugend kämpfte gegen Rechts“ nur den Kopf schütteln können. Im Horst-Wessel-Lied, dem wohl wichtigsten NS-Lied, heißt es:

„Kam´raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschier´n im Geist in uns´ren Reihen mit.“

In dem Gedichtband „Wir wurden im Kampf““(1939) von Ulf Krüger kann man das Gedicht „Deutschland steh auf“ nachlesen:

„Sozialisten! Schließt die Reihen.

Arbeiter! Der Tag bricht an!

Kampf den Rechts- und Linksparteien!

Wir woll´n Deutschland! Mann für Mann“.

Das Thema kann hier nur schlaglichtartig beleuchtet werden. Immerhin ist die Beweislast über die gesamte NS-Zeit und in allen Bereichen erdrückend eindeutig. Es kann selbst in der Phase der Kampfzeit kein Zweifel über die spezifische NS-Definition von „Sozialismus“ und die politische Verortung insgesamt bestehen. Die in diesem Artikel gebotenen Zitate sind überwiegend zufällig ausgewählt worden. Bei der unübersehbaren Vielzahl gleichlautender war es am einfachsten, dieses Verfahren zu wählen.

Guter Rat ist nicht teuer
Den kritisierten AfD-Funktionsträgern ist zu raten, ihren Irrweg zu beenden und sich künftig vorsichtiger auf fremden Feldern der Politik und Geschichte zu bewegen, um Schaden von der Gesamtpartei abzuhalten.

Von Anfang an ein klares Konzept zum neuen „Sozialismus“
Wie sich die Wirtschaftspolitik in der NSDAP vor der Machtübernahme entwickelt hat, kann man beispielhaft bei Otto Wagener nachlesen, der von 1929-1932 der wohl engste Vertraute Hitlers in Wirtschaftsfragen war. Wagener hat umfangreiche Aufzeichnungen hinterlassen, die von dem Historiker Henry A. Turner 1987 in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden. Hier wird das oben beschriebene Konzept eines neuen „Sozialismus“ bestätigt.

So wird Hitler in einem Gespräch zitiert:

„Aber es ist viel leichter, einen den Marxschen Ideen oder dem heutigen Kommunismus entsprechenden Sozialismus zu predigen und dafür Propheten zu finden, als für die Synthese der Vernunft, die die gegebenen Eigenschaften des Menschen in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen sich zum Ziel macht. Denn wenn wir unsere Gauleiter und Redner reinen Sozialismus hergebrachter Norm propagieren ließen, dann würden wir nichts anderes machen als die Bolschewiken… Aber wir wollen ja gerade verhindern, daß dieser destruktive, Kultur und Wirtschaft zerstörende Bolschewismus weiter Fuß faßt und auch unser Leben vernichtet!“

Weiter führt Hitler aus:

„Der Kommunismus läuft auf einen Versorgungsstaat hinaus, wobei das Niveau nach unten hin nivelliert wird. Wir wollen einen Staat der freien Selbstentwicklung der Persönlichkeit, aber letzten Endes auch nur für die Zwecke der Allgemeinheit, also im Dienste der Gemeinschaft, in dem das Niveau so weit wie möglich nach oben und immer höher und höher gehoben werden soll.“ (S. 216 f. der Ausgabe Kiel 1987)

Göring, Himmler, Funk und Feder sorgten schließlich für einen kapitalismusfreundlichen Kurs, der sich ab 1933 immer deutlicher zeigte. Die reaktionäre, liberalkapitalistische Fraktion setzte sich gegen die „sozialwirtschaftliche“ durch. Der Zweite Weltkrieg mit seinen zwangsläufigen staatlichen Eingriffen verhinderte dann eine endgültige wirtschaftspolitische Entscheidung, die offiziell auf die Nachkriegszeit verschoben wurde.

Nach Röhm war die „nationale Revolution“ abgeschlossen
1934 wurde nach der „Röhm-Revolte“ und den Bemühungen die Narben der politischen Kämpfe mit Blick auf die zukünftige Volksgemeinschaft heilen zu lassen, die SA und damit die „Kampfzeit“ in den Hintergrund verbannt. Es gab sogar umfangreiche Verbote für SA-Literatur. Damit wurde auch der noch vorhandene, schwache „linke“ Einfluss innerhalb des NS-Spektrums weiter zurückgedrängt. Bürgerlichen, Unternehmern und Reichswehr wurde zugesichert, dass die „nationale Revolution“ abgeschlossen sei.

Die Industrie machte ihren Frieden mit dem Nationalsozialismus
Die skeptische Industrie hatte Hitler lange nicht unterstützt, weil er ihr zu arbeiterfreundlich erschien. Hitler tat alles, um diese Skepsis zu zerstreuen. Bis 1933 gab es trotzdem nur eine sehr geringe Unterstützung. Viele Agitatoren der NSDAP schlugen oftmals in eigener Regie mit ihrer sozialistischen Rhetorik weit über die Stränge. Die deutsche Industrie hatte den Nationalsozialismus daher beargwöhnt und bis zur Machtübernahme definitiv nicht entscheidend finanziert (mehr hierzu in Rainer F. Schmidt: „Millionen stehen hinter mir – Der wahre Sinn des Hitlergrußes“ in Cora Stephan (Hg.): „Deutsche Legenden“). Nach der Machtübernahme änderte sich die Einstellung allerdings auch offiziell zum Positiven für das Kapital, weil das Wirtschaftssystem tatsächlich nicht grundlegend sozialistisch-kommunistisch verändert wurde und Privateigentum stets den Vorrang genießen sollte.

Hitler äußerte sich im internen Kreis immer wieder gleichlautend:

„Aber je mehr wir uns normalen Zeiten nähern, umso mehr müssen die Fesseln und Hemmungen gelockert werden, die das freie Spiel des natürlichen Kampfes behindern. Der Staat soll keine Kinderfrau sein, sondern das Form gewordene ethische Gewissen eines Volkes und jedes einzelnen“. (Wagener, S. 217).

Abschließend noch einmal ein Beispiel, wie es seine kommunistischen Gegner sahen. Georgi Dimitrov, Generalsekretär der Komintern, sagte in seinem Referat auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale am 2. August 1935:

„Der Faschismus an der Macht […] ist […] die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“

Auch wenn dies so nicht richtig war, wird doch deutlich auf welcher Seite „Hitler, der Kommunist“ von seinen kommunistischen Gegnern verortet wird. Das Kapital hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zwangsläufig mit dem Nationalsozialismus arrangiert, so gut es eben ging. Das Dritte Reich war dann eher kapitalistisch als sozialistisch.

Hitler war kein Kommunist!
Nein, Hitler war kein Kommunist, auch kein Sozialist. Hitler war Nationalsozialist. Sein Blut- und Boden-Ideal in Gestalt eines rassistischen, totalitären Staates stand im Gegensatz zum realen Kommunismus-Sozialismus, der international und klassenkämpferisch ausgerichtet war, dessen Endziel die Auflösung der Völker und Nationen, ja des Staates war. Man sollte sich in der AfD davor hüten, die historischen Fakten zu verbiegen, da dies zum Verlust von Glaubwürdigkeit führt. Die AfD ist inhaltlich derart weit vom Nationalsozialismus entfernt, dass sie es nicht nötig hat, sich überhaupt zu rechtfertigen. Die AfD ist genauso weit vom Nationalsozialismus entfernt, wie Hitler vom Kommunismus.

Beitragsbild / Symbolbild und Mitte: Katoosha / Shutterstock.com

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