Von Jan Ackermeier

16. Jänner 1920: Als Amerika auf dem Trockenen sitzt. An diesem Tag beginnt in den Vereinigten Staaten ein großes gesellschaftliches Experiment mit ungewissem Ausgang: Der 18. Zusatzartikel zur Verfassung tritt in Kraft – der Startschuß für die landesweite Alkoholprohibition. Von nun an sind Herstellung, Verkauf und Transport alkoholischer Getränke im ganzen Land verboten; ein tiefgreifender Eingriff in den Alltag von Millionen Menschen. Die Prohibition war das Ergebnis jahrzehntelanger Abstinenzbewegungen, die Alkohol als Wurzel von Armut, Gewalt und moralischem Verfall bekämpften. Vor allem protestantische Gruppen, bürgerliche Reformgruppen und politische Aktivisten hatten gemeinsam dafür geworben, Amerika „trockenzulegen“, um Familie, Arbeit und öffentliche Ordnung zu schützen.

Sieg der Vernunft?
Die Ratifizierung des 18. Zusatzartikels im Jahr 1919 schien vielen Reformern ein Sieg der Vernunft und der Moral zu sein. Doch schon bald zeigte sich die Kehrseite des Verbots. Während legale Brauereien, Bars und Destillerien schließen mussten, eröffneten im Schatten der Gesetze geheime „Speakeasies“, in denen illegal ausgeschenkt wurde. Schmuggler und Schwarzhändler nutzten die hohe Nachfrage und bauten komplexe Netzwerke auf, um Alkohol über Landesgrenzen und Küstenlinien ins Land zu bringen. Mit der neuen Schattenwirtschaft wuchsen auch Macht und Einfluß des organisierten Verbrechens. Bandenchefs wie Al Capone in Chicago verdienten Millionen mit illegalem Alkohol und lieferten sich blutige Revierkämpfe, die die Behörden oft machtlos erscheinen ließen. Zugleich hatten Polizei und Justiz Mühe, ein Verbot durchzusetzen, das von großen Teilen der Bevölkerung offen umgangen wurde.

Kein Erfolg
Gesellschaftlich bleibt der 16. Jänner 1920 ein ambivalentes Datum. Er steht einerseits für den Versuch, durch Gesetzgebung Moral und Gesundheit zu fördern, andererseits für die Erfahrung, dass Verbote tief verwurzelte Konsumgewohnheiten nicht einfach auslöschen. Die Prohibition prägte Politik, Kultur und Kriminalgeschichte der USA so nachhaltig, dass ihre Folgen noch lange nach der Aufhebung durch den 21. Zusatzartikel im Jahr 1933 spürbar waren.

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Biertrinker in den USA demonstrieren gegen das Alkoholverbot im Jahr 1920. Urheber unbekannt.

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