Von Dario Herzog
Die Freie Demokratische Partei — einst fester Bestandteil der bundespolitischen Gesäßgeographie — steckt tief in einer existenziellen Krise. Nach Jahrzehnten wechselnder Regierungsbeteiligungen ist die Parteistrategie nicht nur gescheitert, sondern hat die Liberalen in eine politische Bedeutungslosigkeit manövriert, die ihresgleichen sucht. Nur noch in acht Landesparlamenten sitzt die einst einflußreiche Partei, und zwar in Baden-Württemberg, in Bremen, in Hessen, in Mecklenburg-Vorpommern, in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz, in Sachsen-Anhalt und in Schleswig-Holstein. In den übrigen Bundesländern scheiterte sie an der Fünf-Prozent-Hürde. Wird sie in Kürze endgültig den Weg in den Abgrund gehen?
Wahlprognosen für das Jahr 2026
Denn der Weg in den Abgrund ist jezt schon deutlich zu spüren. So viel verraten die aktuellen Umfragen: In Rheinland-Pfalz dürfte die FDP den Wiedereinzug verpassen, dort liegt sie in den Umfragen bei zwei bis drei Prozent, und auch in Baden-Württemberg, immerhin einst Stammland der FDP, könnte die Fünf-Prozent-Hürde das Aus für die Liberalen bedeuten. In Meclenburg-Vorpommern (+/- fünf Prozent) ebenfalls und in Sachsen-Anhalt sowieso (drei Prozent). In Berlin liegt sie in den Umfragen bei rund fünf Prozent. In fast allen relevanten Umfragen für die Landtagswahlen 2026 liegt die FDP somit derzeit meist unter der Fünf-Prozent-Hürde, in einigen Bundesländern um die vier bis knapp fünf Prozent.
Absturz nach der Bundestagswahl 2025
Der tiefe Fall begann mit der Bundestagswahl im Februar 2025, aber eigentlich schon Jahre zuvor: Die FDP verfehlte 2025 mit nur 4,3 Prozent der Zweitstimmen deutlich die Fünf-Prozent-Hürde und zog nicht mehr in den Bundestag ein. Das markierte einen dramatischen Tiefpunkt nach zuletzt über elf Prozent im Jahr 2021 und dem seinerzeit fast erreichten selbstgesteckten Ziel von Guido Westerwelle von 18 Prozent. Dass eine Partei, die sich als liberaler Motor der Republik versteht, aus dem Parlament ausscheidet, ist ein historischer Rückschlag. Besonders bitter wirkt dies vor dem Hintergrund, dass die FDP erst wenige Jahre zuvor noch maßgeblich regelmäßig die Bundesregierung mitformte — bevor strategische Fehlentscheidungen die Ampelkoalition sprengten und ihre Glaubwürdigkeit beschädigten, um es nett zu sagen. Andere werfen ihren Parteivorderen Wankelmütigkeit und gesellschaftliche Linkslastigkeit vor. Und linke Parteien, von CDU bis Linkspartei gibt es nun einmal in Hülle und Fülle.
Widersprüchliche politische Ausrichtung
Die Partei versuchte gleichzeitig, traditional-wirtschaftsliberale Wähler, digital-progressive Eliten und konservative CDU-Anhänger anzusprechen — ohne erkennbares politisches Narrativ. Diese ideologische Zerrissenheit hat sie in ein strategisches Vakuum geführt. Der planmäßige Bruch der Regierungskoalition mit SPD und Grünen — intern als „D-Day“-Strategie diskutiert — hat der FDP nicht den erwarteten Wahlerfolg gebracht, sondern sie im Gegenteil als unzuverlässigen Koalitionspartner erscheinen lassen, der heute dies und morgen jenes vertritt.
Führungskrise nach Lindner
Christian Lindner, der die Partei jahrelang prägte, trat nach dem Wahldebakel zurück. Sein politisches Vermächtnis? Gibt es eines? Wofür stand er? Einerseits stand er für Profilierung, andererseits war er häufig Symbol eines politischen Kurses ohne klare Zukunftsperspektive, aber Hauptsache für Ministerposten! Und wer folgte nach? Ein politisch äußerst dürrer Funktionär…
Das Neujahrstreffen: Symbol ohne Substanz
Das traditionelle Dreikönigstreffen, das Neujahrstreffen der FDP, fand Anfang Januar in Stuttgart statt, wo die Partei einen „radikalen Aufbruch“ ausrief. Plötzlich darf es radikal sein? Doch dieser Auftakt war eher Selbstbeschwörung als Substanz: Es dominierte Wahlkampffolklore, halbherzige Schlagworte und der dringende Appell, irgendwie wieder Relevanz zu erlangen — ohne greifbare politische Antworten, denn es geht der Funktionselite der Partei nicht wirklich um Veränderung. Wollte sie das, könnte sie sich ein Beispiel an Argentinnien nehmen. Die libertäre Politik von Milei rägt Früchte. Aber das dürfte der hiesigen FDP durchaus zu radikal sein. So hatte die Veranstaltung wenig von der klaren programmatischen Neuausrichtung, die in der heutigen Krise nötig wäre. Vielmehr wirkte sie wie ein Versuch, den Selbstbetrug der Parteiführung öffentlich zu reproduzieren: Optimismus als Ersatz für politische Lösungen.
Politische Relevanz in Deutschland— Illusion oder Chance?
Die FDP versucht, sich als Korrektiv zum „politischen Stillstand“ in Berlin darzustellen. Doch der von linken Medien behauptete neoliberale Reformdiskurs bleibt diffus und ähnlich austauschbar wie bei anderen liberalen Mitte-Parteien. Zudem bleibt die FDP in aktuellen Umfragen deutlich unter fünf Prozent — während andere politische Kräfte, namentlich die AfD und die CDU, stärker im öffentlichen Diskurs stehen. Laut einer aktuellen Kein Wunder also, dass die FDP in aktuellen Umfragen bundesweit nur noch etwa drei bis vier Prozent Zustimmung liegt. Und es ist wahrscheinlich, dass die Zustimmkung noch sinkt, wenn die AfD stärker wird. Dann werden die größeren Parteien wie CDU und SPD daran appelieren, sie zu stärken. Zuletzt gelang das nochmals Dietma Woidke (SPD) in Brandenburg, der von zahlreichen Nicht-SPD-Anhängern gewählt wurde, um einen Erfolg der AfD zu verhindern. Das gelingt vielleicht einmal, vielleicht zweimal, auf Dauer führt es zum Aus für kleine Parteien wie der FDP und dem BSW.
Stillstand statt liberaler Erneuerung
Statt einer überzeugenden inhaltlichen Neuausrichtung ist die FDP nie über ihren Schatten gesprungen. Die Partei, die sich als Stimme der Freiheit versteht (oder verstand), hat sich in den vergangenen Jahren vor allem als Symbol politischer Unentschlossenheit profiliert. Sie hat sich politisch prostituiert, das rächt sich. Ein Beispiel ist Wolfgang Kubicki, der in den vergangenen Monaten seine Kritikschärfe wiedergefunden hat. Plötzlich redet er Tacheles, kritisiert aus wirklich liberaler Sicht die Regierungsvertreter, ihr Handeln, ihr widersprüchliches Tun. Nur, wo war diese Kritikbereitschaft, als er noch Bundestagsabgeordneter war? Er hat doch den linken Kurs seiner Partei in der Ampelkoalition mitgetragen! Was bleibt also von der FDP? Ihre griffigen Markenkernbotschaften sind verwässert, das Vertrauen der Wähler stark geschrumpft. Die jüngsten Neujahrstreffen — ob lokal oder bundesweit — dienen weniger der politischen Erneuerung als der ritualisierten Selbstbestätigung. Ohne klare und mutige Ideen zur Lösung der drängenden gesellschaftlichen Probleme droht die FDP dauerhaft in die politische Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Wer eben nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Diese abgedroschene Weisheit passt bei der FDP allerdings zum Istzustand. Aber ist das schlimm?
Beitragsbild / Symbolbild und Mitte: Jurgen Nowak / Shutterstock.com
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