Von Dario Herzog

Es sind Zahlen, die eigentlich einen Aufschrei nach sich ziehen müssten: Firmenpleiten in nie geahnter Höhe (23.900 in 2025), der Wegfall von zig Tausenden Industriearbeitsplätzen, alleine monatlich 2500 in Nordrhein-Westfalen, und der Wegzug namhafter Industriefirmen. Seit dem Regierungsantritt der Merz-Bundesregierung im Frühjahr 2025 wächst in Teilen der deutschen Wirtschaft zwar die Unzufriedenheit über die wirtschaftspolitische Ausrichtung der schwarz-roten Koalition unter Kanzler Friedrich Merz. Und zahlreiche Wirtschaftsbosse und Verbandsvertreter beklagen regelmäßig ein zu langsames Reformtempo, mangelnde Impulse für Wachstum und eine entkoppelte politische Prioritätensetzung. Aber die Kritik war bislang eher verhalten, leise und still. Aber jetzt wird der Protest lauter und lauter! Jetzt heißt es sogar schon, wir befänden uns in der „schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der BRD“. Wer ist da plötzlich wach geworden?

Zentrale Kritikpunkte aus ökonomischer und politischer Perspektive
Am deutlichsten hat sich mittlerweile Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), positioniert. Leibinger beschreibt die Lage der deutschen Wirtschaft als ernst und zunehmend alarmierend: Die Stimmung in der Wirtschaft sei „extrem negativ, teils regelrecht aggressiv“, so Leibinger, und viele Unternehmen seien maßlos enttäuscht“ über die bislang ergriffenen Maßnahmen der Bundesregierung. Er warnt, die Bundesregierung reagiere nicht entschlossen genug auf die tiefe strukturelle Krise des Industriestandorts Deutschland und setze zu wenige Prioritäten für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum. Leibinger konstatiert, Deutschland habe die längste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik, mit Rückgängen in der Industrieproduktion und stagnierendem Produktivitätswachstum. Seine Kritik geht über bloße Unzufriedenheit hinaus: Er sieht ein bewährtes Modell in Gefahr, das – trotz großer technischer Kompetenz – ohne entschlossene strukturelle Reformen an Dynamik und internationalen Wettbewerb verliert. Hört, hört, das hätte in dieser Deutlichkeit schon vor geraumer Zeit festgestellt werden können. Die angebliche Wirtschaftskompetenz des Friedrich Merz hat sich regelrecht als Rohrkrepierer herausgestellt.

Die AfD fühlt sich bestätigt
Die baden-württembergische mittelstandspolitische AfD-Fraktionssprecherin Carola Wolle (MdL) sieht sich durch die drastischen Worte von Trumpf-Aufsichtsratschef Peter Leibinger bestätigt:

„Wenn der BDI-Präsident von der schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik spricht und eine ‚regelrecht aggressive‘ Stimmung in den Unternehmen konstatiert, dann ist das das offizielle Alarmzeichen für einen wirtschaftspolitischen Totalabsturz. Die längste Rezession, Produktionsrückgänge seit 2018, Produktivität am Boden und Schlusslicht beim Wachstum – das ist die Bilanz einer ideologisierten Regierung, die Bürokratie, Energiekosten und Arbeitszeiten eher verschärft als entschlackt. Besonders fatal ist, dass Leibinger den ‚industriellen Kern in Gefahr‘ sieht, während sich die Bundesregierung in Nebendebatten über Heizungsgesetz und Pendlerpauschale verliert. Wir fordern einen radikalen Bürokratieabbau, eine verlässliche, bezahlbare Energieversorgung, die Rücknahme ideologischer Bremsen am Arbeitsmarkt und eine echte Entlastung der Leistungsträger. Nur so verhindern wir, dass unser Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, wie Leibinger warnt, zwischen unseren Fingern zerrinnt.“

Kein Einzelfall – weitere kritische Stimmen
Neben dem BDI haben auch andere Vertreter der deutschen Wirtschaft Vorbehalte geäußert: Unternehmensverbände fordern eine schnellere Umsetzung von Infrastrukturprojekten, eine Entlastung bei Bürokratie, Energiepreisen und Steuern sowie klarere politische Signale zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Eine aktuelle Umfrage des Mittelstands zeigt beispielsweise, dass nur noch 39 Prozent der Entscheider Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung haben, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen – ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Frühjahr 2025. Diese Stimmen stehen exemplarisch für eine wachsende Skepsis vor allem im mittelständischen Sektor, der traditionell als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gilt und stets unionsnah war.

Kritikpunkte im Detail
Ein wiederkehrender Vorwurf ist das völlige Versagen im Bereich Deregulierung, Bürokratieabbau und mangelnder Strukturreformen. Dagegen fordern Unternehmen schnellere Entscheidungen bei Infrastrukturprojekten und beim Gewerberecht, die als Wachstumshindernisse gelten. Insbesondere angesichts der wachsenden internationalen Konkurrenz – etwa aus China – wird zudem kritisiert, dass Deutschland nicht aggressiv genug investiert, um technologische Führungspositionen zu halten. Leibinger beispielsweise spricht hier von einem notwendigen Wachstumspaket, das über reine Appelle hinausgeht. Und viele Wirtschaftstreibende empfinden, die politische Debatte setze zu starke Akzente auf sozialpolitische Detailfragen statt auf wirtschaftliche Gesamtstrategie und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Nicht hart genug gegenüber Sozialdemokraten
Auch wird die Union als zu weich gegenüber der SPD gesehen. Kein Wunder also, dass etliche Unternehmer, nicht nur Familienunternehmer, offen, aber meist verdeckt Kontakt zur AfD aufbauen. Und es ist ebenfalls nicht verwunderlich, dass es zunehmend Stimmen von unabhängigen Wissenschaftlern gibt, die eine Politik, wie sie die AfD vertritt, loben. Sollte die schwarz-rote Bundesregierung nicht innerhalb der nächsten Zeit radikale wirtschaftliche Weichenstellungen einleiten, könnte sich die AfD künftig auch als Wirtschaftspartei etablieren. „Deutschland zuerst“ muss es künftig heißen – insbesondere bei der Wirtschaft, sonst gibt es für die Schwarz-Roten auch nichts mehr, was sie im Ausland mit vollen Händen verteilen können!

Beitragsbild / Symbolbild und Bild oben: Who is Danny / Shutterstock.com

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