Von Dario Herzog

Der Rapper „Haftbefehl“, mit bürgerlichem Namen Aykut Anhan, gilt als eine der prägendsten Figuren des Deutsch-Rap der vergangenen Jahre. Seine Sprache – roh, direkt, voller Straßenslang und Verweise auf Armut, Drogen, Gewalt – scheint vielen Jugendlichen aus migrantischen oder schwierigen Verhältnissen eine Stimme zu geben. Gerade dieser „Realismus“ führt zu einer Bewunderung, ja Verherrlichung, die weit über die Musikszene hinausreicht. Doch genau an diesem „Realismus“ liegt – aus kritischer Sicht – ein großes Problem: Viele seiner Texte enthalten Gewaltverherrlichung, sexistische Formulierungen und teils offen antisemitische Inhalte. So rappt er in einem Song aus dem Jahr 2010 unter anderem davon, „Kokain an die Juden von der Börse“ zu verkaufen — eine klar antisemitische Passage. Kann man seine Musiktexte im Schulunterricht thematisieren oder eignet sich das Schaffen des Künstlers nicht wirklich zu einer Aufwertung? Denn nichts anderes wäre das, oder?

Auch der Freiburger Rechtsanwalt Dubravko Mandić äußerte sich auf Youtube bereits kritisch zum Rapper „Haftbefehl“ (Videolink im Bild).

Schulische Thematisierung? – Eine umstrittene Forderung
Seine Texte sorgen für Ärger bei Eltern und werfen zurecht die Frage auf: Kann ein Künstler mit solchen Zeilen zugleich als legitime kulturelle Stimme oder gar als Vorbild dienen — insbesondere, wenn sein Einfluss stark auf Jugendliche wirkt? Im Gefolge der neuen „Babo – Die Haftbefehl-Story-Doku“ auf Netflix fordern Schüler aus seiner hessischen Geburtsstadt Offenbach nämlich, den Rapper und seine Texte im Unterricht zu behandeln, der baden-württembergische Landesjugendbeirat will den Rapper ebenfalls im Lehrplan sehen. Ihrer Ansicht nach repräsentiere seine Musik — mehr noch als „alte Klassiker“ — die Lebensrealität vieler, und damit gehöre sie reflektiert in den Schulunterricht. Das zuständige Bildungsministerium wies diesen Vorschlag jedoch erfreulicherweise und unerwartet zurück: Man meinte, „Haftbefehls“ Texte und sein öffentliches Auftreten entsprächen nicht dem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Kritisiert wurden insbesondere Gewalt, Sexismus, Glorifizierung von Drogen und problematische politische beziehungsweise moralische Botschaften. Das ist nachvollziehbar, denn „alte Klassiker“ werden bereits gecancelt, wenn der Autor im Verdacht steht, sich antisemitisch oder sonstwie „kritisch“ geäußert zu haben. Und Schulen tragen nun einmal eine Verantwortung für die sozialen und moralischen Werte, die sie vermitteln, heißt es doch so gerne. Das trifft natürlich nicht auf Kommunisten zu, Brecht wird heute weiterhin gefeiert. Aber Texte, die wirklich Gewalt verherrlichen, Minderheiten herabwürdigen oder Drogen verherrlichen, bergen die Gefahr, schädliche Normen zu normalisieren, statt sie kritisch zu hinterfragen. Das sieht auch die AfD ähnlich, so meint der bildungspolitische AfD-Fraktionssprecher Dr. Rainer Balzer (MdL) zum aktuellen Fall:

„Wer Rap-Texte wie die von ‚Haftbefehl‘ zum Unterrichtsmaßstab erhebt, verabschiedet sich von jedem klassischen Bildungsanspruch. Die Schule soll junge Menschen zu mündigen Bürgern erziehen – nicht zum Publikum einer dauererregten Subkultur. Es ist die Aufgabe des Staates, an die Höhepunkte unserer Geisteskultur heranzuführen, nicht an den harten Rand des Pausenhofs – dorthin bewegen sich die Schüler von ganz allein. Diese Debatte knüpft nahtlos an die Berliner Forderung ‘Sido statt Schiller’ an. Das ist kein Fortschritt, sondern eine Kapitulation vor dem Zeitgeist. ‚Haftbefehl‘ mag für private Playlists taugen – aber nicht als Leitmedium eines Bildungsplans. Bildung ist kein Wunschkonzert und kein Stimmungsbarometer. Nicht alles, was im Kinderzimmer läuft, gehört automatisch in den Lehrplan. Wir brauchen eine Aristokratie des Geistes statt einer Demokratie der Beliebigkeit im Klassenzimmer.“

Die Netflix-Werbung für die umstrittene Dokumentation. Quelle: Netflix.com

Die Doku: Enthüllend, aber natürlich voyeuristisch
Die Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ wirft einen schonungslosen Blick auf das Leben des Rappers: Aufgewachsen im Hochhausviertel, geprägt von Kriminalität, Armut, familiären Krisen; Aufstieg in die Musikwelt, Ruhm, aber auch tiefe Abstürze durch Drogen, psychische Belastungen, körperlichen Verfall. Viele loben zwar die Offenheit der Dokumentation, den Mut zur Wahrheit — doch zugleich ist Kritik angebracht! Der Film betrachtet den Rapper als gebrochenen Antihelden, der als Symbol für migrantische Jugend fungiert. Manche sprechen von einem „Elends-Porno“ — der Film nutzt bewusst drastische Bilder, um Zuschauer zu schockieren, ohne aber hinreichend gesellschaftliche oder strukturelle Hintergründe aufzuzeigen oder zu reflektieren. Kurzum: Die Doku liefert zwar einen Einblick — doch der Einblick allein ersetzt keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ursachen von Gewalt, Drogen, Armut und Migration. Stattdessen besteht die Gefahr, dass individuelles Leid zu spektakulärer Unterhaltung verkommt.

Ein Meister der Straße — und seine Schattenseiten
Der Rapper „Haftbefehl“ steht für vieles — Provokation, Authentizität, Aufbegehren gegen Normen. Aber diese Eigenschaften befreien ihn nicht von der Verantwortung für das, was er verbreitet. Seine Texte enthalten eindeutig menschenverachtende Passagen. Die Dokumentation über ihn legt zwar Offenheit und Verletzbarkeit offen — doch sie darf nicht zur Verklärung oder Verherrlichung von Gewalt, Drogen und sozialen Verwerfungen beitragen! Aber genau das tut sie! Einem nicht unerheblicher Teil der jungen Migrantler vor allem in den Großstädten wird suggeriert, man könne es aus dem Elend doch noch schaffen. Zudem, dass Gewalt, Drogenkonsum etc. einfach dazugehören. Das ist gefährlich. Somit wäre die positive Übernahme in Schule oder Pop-Kultur ohne kritische Reflexion unverantwortlich. Wenn der Rapper „Haftbefehl“ thematisiert wird — sei es im Unterricht, in Medien oder im gesellschaftlichen Diskurs — dann nur mit klarer Haltung: mit Distanz, klarer Kritik und dem Willen, Hintergründe statt Glamour sichtbar zu machen! Nur so kann aus der einzelnen Stimme der abgehängten Jugendlichen mit Migrationshintergrund kein gefährlicher Mythos entstehen!

Beitragsbild / Symbolbild: Standret / Shutterstock.com; Bild in der Mitte: Youtubelink; Bild unten: Netflix.com

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