Von Harald Noth

“Wänn dr im Elsiss sihsch d Pfulge üs em Fänschter hänke, kunnts ball z rägne.” Dieser Satz im Kaiserstühler Dialekt veranschaulicht schön, was das Elsass für uns Badener ist: Die unmittelbare Nachbarschaft. Wenn man von den Hügeln des westlichen Kaiserstuhls im Elsass die “Pfulge” (Kopfkissen) aus dem Fenster hängen sieht, beginnt es bald zu regnen. Wir hier im Badischen – falls wir noch fühlende Badener sind – empfinden es als schmerzhaft, dass drüben der elsässische Dialekt platt gemacht ist. Aber auch viele Nicht-Alemannen sind traurig über das Verschwinden des Dialekts im Elsass. Eine rigide Politik der Frankonisierung  des französischen Staates und besonders seiner Schulbehörden hat dazu geführt, dass heute nur noch sehr wenige Kinder den alemannischen Dialekt des südlichen und mittleren Elsass’ oder das Fränkische im Norden und in Lothringen sprechen. Da nun das Kind im Brunnen liegt und wohl nie mehr herauskommt, meint man, es sich leisten zu können, die Zügel zu lockern und hat verschiedene Formen des deutschen und elsässischen Unterrichts zugelassen.

Beitragsbild: rarrarorro / Shutterstock.com

Das Elsässische war früher nicht nur die Volkssprache, sondern auch das Sprungbrett zum leichten Erlernen der deutschen Standardsprache. Während in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Schüler für das Elsässisch-Sprechen bis auf den Pausenhof verfolgt und bestraft wurden, ist es heute möglich, fakultatives Hochdeutsch und Elsässisch in Schulen zu unterrichten. Es gibt in Frankreich auch eine weitergehende Form des regionalsprachlichen Unterrichts. Er findet besonders an selbstfinanzierten Vereinsschulen statt. Das ist der zweisprachige Unterricht, der im Elsass von der Organisation A.B.C.M. Zweisprachigkeit organisiert wird. Hier halten sich in der Grundschule Dialekt und Hochdeutsch einerseits und Französisch andereseits die Waage. Es wird angestrebt und auch angeboten und praktiziert, die Kinder schon ab drei Jahren (in der Vorschule) an beide Sprachen zu gewöhnen.

“A.B.C.M. Zweisprachigkeit” beschäftigt heute über 100 Angestellte und unterrichtet in seinen elf Schulen über 1.200 Schüler im Alter von drei bis elf Jahren. Das ist viel, bedenkt man die schweren Bedingungen, unter denen hier alles selbst organisiert und finanziert werden muss. Aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die elsässische Sprache wieder zum Leben erwecken will.

Es ist oder war noch eine Steigerung geplant: Die Abgeordneten der französischen Nationalversammlung verabschiedeten im April 2021 mit 247 Für-, 76 Gegenstimmen und 19 Enthaltungen ein Gesetz, das den Unterricht in den Regionalsprachen, darunter das Elsässische, unterstützen soll. Es wird “Molac-Gesetz” genannt. Paul Molac ist ein bretonischer Abgeordneter, der sich um das Gesetz verdient gemacht hat. Mit dem Gesetz hätte auch ein immersiver Unterricht ermöglicht werden sollen – hier hätte nahezu der gesamte Unterricht und das Leben in der Schule in der jeweiligen Regionalsprache stattfinden können.

Eine der A.B.C.M.-Schulen in Schweighouse. Foto: Harald Noth

Doch die Partei Macrons, La République en marche, stellte beim französischen Verfassungsrat den Antrag, das Gesetz zu überprüfen. Und der Rat stellte prompt fest, dass das Gesetz verfassungswidrig sei. Nun wird im Elsass befürchtet, dass nicht nur der neue immersive Unterricht, sondern auch die anderen bisher praktizierten Modelle illegal werden könnten. Kritiker der Entscheidung des Verfassungsrats führen an, dass Frankreich neben der Türkei eines der letzten Länder im Europarat bleibe, das sich weigert, die Rechte seiner sprachlichen Minderheiten anzuerkennen.

Gegen diese Entscheidung des Verfassungsrats haben das Europäische Netzwerk für die Gleichberechtigung von Sprachen (European Language Equalitiy Network – ELEN) und seine französischen Mitglieder, darunter der Verein “Culture & Bilinguisme d’Alsace & de Moselle”, bei den Vereinten Nationen eine Beschwerde eingereicht. Doch die UNO hat keine rechtlichen Mittel, Frankreich hier zu reglementieren. Ein Signal wäre es aber doch, wenn das zentralistische Gebaren Frankreichs weiter ins Zwielicht gerückt würde. Leider empören sich die Jacobiner (die radikalen französischen Zentralisten) nur ob der Unterdrückung der Uiguren in China und fegen niemals vor der eigenen Tür.

Mehr von Harald Noth:

* Im Noth Harald si Briäf üs Alemanniä

* „LUEG INS LAND ohne Scheuklappen – der Blog von Harald Noth“

close

Treten Sie dem Freiburger Standard bei

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.