Wir alle sind von unseren eigenen Überzeugungen eingenommen. Spannend finde ich immer die Interviews nach einem großen, verlorenen Fußballspiel. „Woran lag es?“ fragt der Reporter und hofft auf eine saubere Analyse jedes einzelnen fehlgeleiteten Passes, jeder einzelnen Fehlstellung des 6ers oder noch besser, warum er eigentlich schon vor dem Spiel viel lieber B statt A aufgestellt hätte – ihn aber äußere Umstände zu dieser, wie sich nun herausstellte, Fehlentscheidung zwangen.

Quatsch – diese Antwort bekommt der Reporter niemals. Deshalb macht es auch überhaupt keinen Sinn, den Fernseher nach Abpfiff auch nur noch eine Sekunde eingeschaltet zu lassen. Dass das Fernsehen sowieso aus dem Fenster geworfen gehört, werden wir noch häufig thematisieren und haben dies auch schon hinreichend getan.

Alles falsch

Der Fußballtrainer hat seine Aufstellung, Taktik, Spielanpassungen und alles, was sonst dazu gehört, nach bestem Wissen und Gewissen gestaltet. Wenn er zwei Minuten nach Abpfiff weiß, woran es lag, hätte er das auch schon vor dem Spiel gewusst und umgesetzt. Wir wollen hier in dieser Betrachtung mal Verschiebungen und falsche Einflussnahmen außen vor lassen. Wenn die Analyse hingegen nur von der Übermacht des Gegners handelt, ist das OK. Das weiß man nicht immer im Vorfeld – und an einem guten Tag kannst Du gegen jeden gewinnen.
Das abstrakte, aber von jedem von uns nachzuvollziehende Beispiel des Fußballtrainers gilt natürlich in jedem verantwortungsvollen Job. Ihr Chef gibt Ihnen eine Aufgabe, die Sie selbstständig ausführen sollen. Es läuft was schief. Jetzt sollten Sie gute Argumente haben, weshalb Sie so gehandelt haben, wie Sie es taten. Wenn Sie dann einen Chef haben, der Sie nicht ausreden lässt – kündigen!

Erstes Fazit

Wenn Sie richtig gut sind, an Ihrem Posten unangefochten klar der Beste, dann handeln Sie offensichtlich richtig. Unersetzlich ist niemand. Die Gräber liegen voll mit Unersetzlichen. Aber das Unternehmen sollte es schon leidvoll zu spüren bekommen, wenn Sie nicht mehr da sind. Wer sich nur mit Zweitbestem oder Mittelmaß zufrieden gibt, braucht nicht weiterlesen – er wird die folgenden Gedankengänge nicht verstehen. Dies gilt auch für Angestellte, von denen keine Leistung erwartet wird, wie in der Verwaltung oder an anderen staatlichen Stellen.

Wir sind alle erwachsen

und wissen daher, was von uns erwartet wird und machen unseren Job korrekt. Das reicht aber nicht. Wir sollten wissen, was wir von uns selbst erwarten, welches Bild wir unseren Kollegen, Untergebenen und Vorgesetzten abgeben wollen. Dieser Anspruch muss höher sein als das, was von uns erwartet wird. Das heißt, bei der Arbeit faul rumsitzen, die Zimmerpflanzen gießen und ausführlichste Lästerrunden mit den Kollegen bringen das Unternehmen nicht nach vorne.
Und dann gibt es Tage, an denen die doppelte Leistung gefordert ist. Da ist es natürlich durchaus legitim, hinterher auch mal etwas kürzer zu treten – und sei es nur, um sich für das nächste Projekt kurz zu schonen. Somit ist an dieser Stelle die Ruhephase ebenso dem Unternehmen dienlich – das Wort Faulenzen kommt mir dabei nicht in den Sinn. Man kann ja beispielweise ein geschäftliches Telefonat mit einem bekannten Gegenüber einfach mal etwas weniger hektisch führen und durchaus auch mal ins Plaudern kommen. Sie werden es nicht glauben, aber selbst das ist dem Unternehmen dienlich, da neue Vertrauensverhältnisse entstehen.

Entscheider

Diese Stellen werden auffällig oft von recht jungen Leuten besetzt. Diese fürchten sich vor nichts, da sie nichts zu verlieren haben. Noch ziehen nicht Kinder am Rockzipfel oder sind Hypotheken zu bedienen. Und irgendwann im Leben, wenn man es nicht bis ganz an die Spitze geschafft hat, wird man zwangsläufig einen Vorgesetzten bekommen, der jünger ist als man selbst. Das macht aber gar nichts. Es ist sehr erfrischend, wenn sich die Herangehensweise an ein Thema durch den Wechsel auf dem Chefposten von einem Tag auf den anderen um 20 oder 30 Jahre verjüngt. Alter ist keine Errungenschaft – es ist nur ein Zustand.

Wenn Sie sich dann selbst an die Stelle, an der entschieden wird, hingearbeitet haben, wird Ihnen täglich, meist so gegen 9:30 Uhr, wenn auch nicht immer explizit, die Frage gestellt: Was hast DU heute bisher für unseren gemeinsamen Erfolg getan? Wenn Sie die Position des Entscheiders zu Recht ausfüllen, und nicht wie ein kleines Männchen auf viel zu großem Stuhl verloren dasitzen, haben Sie nicht nur Antworten, sondern neue Herausforderungen für Ihre Untergebenen und vor allem für Ihre Vorgesetzten parat. Und das jeden Tag aufs Neu. Es macht Ihnen erkennbar Spaß, Ihren Vorgesetzten vor sich herzutreiben, weil Sie vor Tatendrang nur so sprühen. Dabei bewahren Sie immer die Cleverness, niemanden bloß zu stellen. Die Kür ist es dann, sollten Ihre Pläne erfolgreich umzusetzen sein, dass am Ende allen (außer Ihrem direkten Vorgesetzten) klar ist, wem das zu verdanken ist.

Und jetzt

wird es Zeit sich mit einer guten Geschäftsidee selbstständig zu machen. Was hindert Sie? Die gesellschaftliche Anerkennung, die Angst vor dem Scheitern? Geld darf dabei keinerlei Motivation sein – nur das Wissen, das Ihnen sowieso niemand folgen kann und Sie so folglich lieber allein arbeiten.

Es gibt aber auch andere Charaktere

In jedem Unternehmen gibt es einen gewissen Prozentsatz an Mitläufern, Faulenzern und am Schlimmsten: Stänkerer. All diese Gestalten haben eines nicht verstanden: Wenn es dem Unternehmen gut geht, geht es auch ihnen gut. Und meist bezeichnen diese ihren Chef als dumm, weil er ihre Ansichten nicht teilt. Aber glauben Sie mir: wer zu Recht auf einem Vorgesetztenposten sitzt, registriert äußerst feinfühlig, wer dem Unternehmen hinderlich oder förderlich ist – oder es gar vorantreibt – auch auf niedrigen Organigrammebenen.

Wie erkenne ich einen für die Firma problematischen Mitarbeiter, wenn ich neu in dieses Unternehmen komme?

Stänkerer, Bedenkenträger, Problematisierer und Arbeitsklimavergifter erkennen Sie schon am ersten Tag. Da sie im Unternehmen keine Basis haben, sind sie ständig auf der Suche nach neuen Verbündeten für ihre (niemals stattfindende) Revolution. Daher sind das gerade die Leute, die sofort auffallend freundlich auf Sie zukommen und Ihnen schon am ersten Tag Tipps geben, wie Sie umsonst an Kaffee kommen, die Stechuhr austricksen können und lauter solche Sachen. Sofort und von Anfang an freundlich aber bestimmt auf Distanz gehen. Der Mitarbeiter, der erst nach zwei Wochen auftaut – das ist Ihr Mann. Mit dem können Sie später alles erreichen.

Manche müssen dann eben zurückgelassen werden

Und dann ist eben der Zeitpunkt gekommen, an dem einige einfach auch mal zurückgelassen werden müssen. Es macht keinen Sinn mehr, sich um Ihre Befindlichkeiten weiter zu kümmern. Das kostet nur unnötig Zeit, Kraft, Anstrengung und Empathiefähigkeit. Ein Unternehmen ist kein Sozialamt und keine Psychiatrie. Niemand wird gezwungen mitzuziehen – er kann sich ja anderweitig umsehen. Die Erfahrung lehrt, dass Mitarbeiter, die sich was anderes gesucht haben, weil dort ja alles viel besser sei, oftmals als umgedrehte Handschuhe ein halbes Jahr später wieder an der Tür klopfen. Aber Vorsicht: solch wankelmütige Charaktere brauchen oft nicht lange, wieder in die alten Verhaltensmuster zu fallen.

Was bedeutet dies nun für die politische Arbeit?

Exakt dasselbe. Ersetzen Sie im vorangegangen Text den uns im Laufe der Lektüre irgendwie liebgewonnenen, aufstrebenden Arbeitnehmer mit dem Maß Ihres politischen Engagements.

Die Zeiten sind rauer geworden. Mit zweitbestem, mittelmäßigem und vor allem nicht zielgerichteten Eifer sind wir unserem momentan noch übermächtigen linken Gegner unterlegen. Alle vernünftig denkenden da draußen: steht auf und packt mit an!

mb

Beitragsbild von Hunters Race via unsplash